Horváth Attila – Solymos Ede szerk.: Cumania 5. Ethnographia (Bács-Kiskun Megyei Múzeumok Közleményei, Kecskemét, 1978)

Gaál K.: Divat vagy népművészet

Die neue Zierkammart ist auch in Wien erst im 19. Jahrhundert Mode geworden. Kämme aus Schildpatt waren teuer, Kämme aus ungarischem Horn billiger. Vergleichen wir die Muster der Wiener Zierkämme mit den in österreichischen Kleinstädten erzeugten, so ist zwar kein prinzipieller Unterschied in den Mustermotiven, sehr wohl aber einer in der Qualität ihrer Ausführung feststellbar. Die schwächere Finanzkraft der kleinstäditschen und ländlichen Bevölkerung erlaubte eben nur mäßi­gere Preise, auch für Modewaren. Die Arbeitszeit für einen Zierkamm mußte deshalb eine kürzere sein, weshalb die Muster eben einfacher, großflächiger in der Ausführung sein mußten. Abgesehen von den wenigen Kamm-Machern in den kleinregionalen Zentren arbeiteten die meisten von ihnen in einer Stadt. Sic beherrschten den regionalen Markt, und so wurden jene Kammverzierungen gemacht bzw. solche Zierkämme der kleinregionalen Kundschaft angeboten, die in vereinfachter, veränderter Form dem Geschmack des Kamm-Macher-Meisters entspra­chen. Die in den einzelnen Regionen anzutreffenden Zierkämme stellen daher die „Kollektion" eines oder mehrerer damals für diesen Raum produzieren­den Handwerker dar. Die eingangs aufgeworfene Frage, ob Zierkamm­Muster zur Volkskunst im ethnischen Sinn einge­reiht werden dürfen, ist mit diesen Feststellungen allerdings noch nicht ganz beantwortet. Es erhebt sich nämlich die weitere Frage, wie weit Zierkämme, die über Sprachen und Grenzen hinweg durch eine handwerkliche Modeindustrie ihre Verbreitung, und je nach dem Geschmack ihrer Erzeuger eine regionale Färbung erhielten, zur Volkskultur gehören. Diese Art von Zierkämmen waren eine europaweit verbrei­tete Modeware, und zwar in der Zeit des ausgehen­den Biedermeier. In ihren Mustern einer allgemein­modischen Linie folgend, wurden diese jedoch von regionalen Handwerksmeistern je nach der wirt­schaftlichen Situation modifiziert. Nach meiner Befragung in den Jahren 1948—1951 konnte ich die im Museum von Kiskunfélegyháza befindlichen Zierkamm-Muster nach ihrem Kaufpreis „sozial" gruppieren. Komplizierte, handwerklich zeitrauben­de Muster (Abb. 2—13) waren „teuer", wie man sagte; sie wurden nur für die „Reichen" gemacht, das heißt für die Frauen von Beamten, besser gestell­ten Handwerkern und Großbauern. Die zweite Gruppe (Abb. 14-25) wurde von den Frauen der Mittelklasse, das heißt Frauen von einfacheren Handwerkern, besser gestellten Bäuerinnen etc. be­vorzugt, und die billige Ware (Abb. 2 6 40) nur von Tanya-Frauen gekauft. Überraschend ist der Vergleich der ersten Gruppe von Kämmen mit ähnlichen Kämmen aus Wien oder anderen österreichischen Bürgerstädten: sie stimmen auffallend überein. In dieser Preiskategorie konnte und durfte der regionale Meister nichts ändern. Ähnliche Stücke der ersten Preiskategorie sind aus Süddeutschland, Frankreich und auch aus Spanien bekannt. Die Stücke aus der zweiten Preiskategorie sind durch auffallende, jedoch in ihrer Komposition schon weniger anspruchsvolle Muster charakteri­siert. Sie kosteten nur etwa die Hälfte dessen, was man ansonsten für einen Kamm der ersten Qualität bezahlten mußte. Die billige Ware ist an ihren sehr vereinfachten, großflächig ausgeführten Mustern kenntlich. Letztere zeigen starke Ähnlichkeiten zu Verzierungen auf anderen Gegenständen. Während teure Muster vorwiegend in Großstadtnähe zu fin­den sind, beherrscht die billigere Ware den ländli­chen Raum, und wird deshalb vielleicht — eben we­gen ihrer einfachen Muster - - oft fälschlich als Volkskunst betrachtet. Diese Mustervarianten sind jedoch durchaus nicht ethnisch bedingt. Sie entspre­chen den spezifisch gegebenen sozialen und wirt­schaftlichen Umständen. Während für die Wohlha­benden das Mitgehen mit einer europäischen Mode eine Prestigefrage war und sie bereit waren, dafür auch zu bezahlen, durfte Trachtenmode, auch wenn sie dem europäischen Trend folgte, nicht so teuer sein. Ein um 1900 aus Amerika kommender Kunststoff, das Bakelit, verdrängte die Handarbeit in der Zier­kammerzeugung. Die Kämme wurden von nun an gepreßt, und weil durch dieses neue Herstellungs­verfahren jede Art von Muster zu gleich billigen Preisen angeboten werden konnte, verschwanden die sozialen Unterschiede, die vorher für die Muster galten. Nach dem ersten Weltkrieg, als die Kurzhaar­mode aufkam, waren Zierkämme dann überhaupt nicht mehr aktuell. Mit der historischen Forschungsmethode, aber auch durch logische Überlegung können wir festste­len, daß Ferenc Váradi ein Modewarenerzeuger aus 206

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