H. Tóth Elvira - Horváth Attila: Kunbábony (Kecskemét, 1992)
VI. Die Lehren des Fundes von Kunbábony und seiner Parallelen für die awarenzeitliche Forschung
apfels, die später heilte, vielleicht die Erblindung dieses Auges zur Folge gehabt haben.990 Die Niederschlagung des Bulgarenaufstandes hatte scheinbar schwerere Opfer gefordert, als frühere Kriegszüge, die reiche Beute brachten, aber keinen Gebietszuwachs oder sogar mit einer Niederlage endeten 15-20 Jahre danach nämlich begaben sich die Awaren — wohl um die neue Generation der Krieger zu erproben — wieder in gefährliche militärische Unternehmungen. Nach der Belagerung Konstantinopels und dem Aufstand der Bulgaren aber sieht Byzanz in ihnen nicht einmal mehr einen im Rücken des Feindes ausspielbaren Verbündeten. Erst von der zweiten Hälfte des Jahrhunderts an eröffnen sich Möglichkeiten zur vorsichtigen Ausdehnung der Westgrenzen und Besiedlung dieses Niemandslandes. Wie es jedoch scheint, haben die Neuansiedler vom letzten Drittel des Jahrhunderts die awarische Macht nicht erschüttert, sondern im Gegenteil eher gefestigt oder höchstens umgeformt. Diese Macht integrierte die Neuankömmlinge durch eine logische Siedlungspolitik, unter denen als erste vielleicht mit von Aspa- ruch aus dem Gebiet des Donau-Deltas vertriebenen Awaren gerechnet werden kann. Großartige Eroberungen konnte der Khagan von Kunbäbony also nicht gemacht haben. Immerhin sicherte er jedoch durch Aufnahme der Flüchtlinge und mit deren organisierter Ansiedlung im Karpatenbecken und dessen Einzugsgebiet den Fortbestand der awarischen Herrschaft für mehr als ein weiteres Jahrhundert. Und vielleicht - dies als von uns aufgeworfene Frage - begannen zusammen mit dem starken Anwachsen der Bevölkerung gerade in diesem Zeitraum die Bedingungen zu reifen, die die Awaren 990. Laut vorläufiger Untersuchung durch Antónia Marcsik und Ferenc Szalai ist der Schädel männlichen Geschlechts, das Sterbealter liegt zwischen dem 60-70. Lebensjahr (Altersgruppe senilis). Sein Erhaltungszunstand ist gut (es fehlen der rechte Teil des Nak- kens und des Scheitelbeins). Unter den postcranialen Knochen blieben 7 Hals- und der erste Rückenwirbel sowie ein Radius- und Metacarpalestück erhalten. Mit dem Fehlen der Langknochen läßt sich erklären, daß das Sterbealter nur in 10jährigen Intervallen festgestellt werden kann. Das Stirnteil des Schädels ist stark nach hinten strebend, der Nacken kegelartig. Der Nasenrücken ist mittelmäßig hervorstehend, die fossa canina mittlerer Tiefe, zu beobachten sind sulcus prenasalis, torus palatínus bzw. mandibularis. Metrisch ist der gesamte Schädel länglich, der Hirnschädel niedrig, der Ce- sichtsschädel breit, Augenhöhlen und Nase mittelbreit, der Gaumen breit. Zum Gutteil ist er europiden Typs, aber auch mongolide Züge sind zu beobachten. Die linke Augenhöhle zeigt im oberen Teil Spuren einer traumatischen Deformierung. Angenommen werden kann ein Bruch („blowout"), der den Augapfel getroffen hat und im allgemeinen Folge eines harten Schlages (Faustschlag) oder des Eindringens eines Fremdkörpers ist. Im Falle des Kunbäbo- nyer Schädels ist letzteres als wahrscheinlich anzunehmen. Die Stelle des Eindringens ist halbkreisbogiger Form, ca. 6-8 mm breit. Die Verletzung wurde der Person eine ganze Zeit zwangen, ihr Nomadenleben teilweise aufzugeben und zu festen und dauernden Asiedlungen überzuge- hen.991 Auf die Frage, ob es dem Khagan gelungen ist, seine Dynastie in die beginnende spätawarische Epoche hinüberzuretten, wissen wir keine eindeutige Antwort, da uns aus diesem Zeitraum weder khaga- nische, noch fürstliche Bestattungen bekannt sind. Auch die Annahme, daß sich im Grab des Vornehmen mit Ringanhänger-Schlaufe von Tab992 auch schwere, gegossenen Gürtelbeschläge mit Greifen— Ranken-Dekor befunden hätten, kann nicht belegt werden. Ebensogut könnte er einen blechverzierten Gürtel des Typs wie aus Szeged-Átokháza getragen haben, für den diese Schlaufe viel typischer ist als für unsere gegossenen Garnituren. Damit bekräftigt der aus Tab stammende Fund also nur die Existenz einer mittelawarischen Fürstenresidenz Ozora-Igar, denn zwischen den beiden Orten liegt die Fundstelle. Die Residenz des Khagans aber bleibt aller Wahrscheinlichkeit nach parallel dazu auch weiterhin das Zwischenstromgebiet Donau-Theiß. Was jedoch das Weiterleben der Gürtel mit Pseudoschnallen anbelangt, ist es noch fraglich, ob sich ein solches im Verlaufe der mittleren Awarenzeit unter Ausschluß jeden Zweifels nachweisen läßt. Sollte es aber Bestätigung finden, so müßte festgestellt werden - nicht nur in Anbetracht der fortschreitenden Verarmung in bezug auf Goldmaterial und des augenscheinlichen Niedergangs der Hierarchie: Der Klan der Pseudoschnallen-Fürsten hat zwar die Ansiedlung neuer Völkergruppen der neuen Epoche überstanden, doch war er mit der Zeit gezwungen, den Ankömmlingen immer mehr von seinem Raum bzw. seiner Macht zu überlassen. Um dies abschließend klären zu können wird es allerdings erforderlich sein, die Eigenheiten zumindest einer spätawarischen Fürstenbestattung hinsichtlich ihres Brauchtums, ihres anthropologischen Materials usw. mit unseren frühawarischen Fürstenfunden zu vergleichen. Dazu aber gab es bis heute keine Gelegenheit. vor deren Tode zugefügt, da die Ränder der erwähnten Wundstelle völlig glatt und die urpsrünglich zersplitterten Knochenplatten in deren Umgebung vollkommen verwachsen sind. Die Linie des Zusammenwachsens der Knochen ist allerdings sowohl makroskopisch als auch auf der Röntgenaufnahme sichtbar. Da sich die Verletzung im oberen Teil der Augenhöhle befindet, ca. 12 mm von der margó supraor- bitalis entfernt in Richtung des Inneren der Augenhöhle, läßt sich das Eindringen des Fremdkörpers nur von unten her vorstellen, was - mit Sicherheit - mit dem Verlust des Sehvermögens des linken Auges einhergegangen ist. An den Halswirbeln ist eine schwere spondylosis deformans (in ein bis zwei Fällen fusio), zahlreiche anatomische Variationen, an den Rändern von maxilla, mandibula alveolaris Spuren von Zahnfleischschwund zu beobachten, s. Anhang. 991. LÁSZLÓ: 1955, 293. 992. GAR AM: 1983. 97. 221