Levéltári Közlemények, 66. (1995)

Levéltári Közlemények, 66. (1995) 1–2. - SASHEGYI OSZKÁR EMLÉKÉRE - Malfer, Stefan: Die Reform der Wehrpflicht als konservative Sozialutopie in einer Broschüre aus dem Jahre 1856 / 147–155. o.

154 Stefan Malför frontierte die Broschüre den Leser mit einem brennenden Problem der damaligen Zeit. Der Vorschlag unseres Autors zu großzügiger künstlicher Aufforstung Ungarns geht aber doch sehr weit und ist seiner Zeit voraus. Erst ein Vierteljahrhundert später verpflichtete das ungarische Forstgesetez von 1879 die Waldbesitzer zu natürlicher oder künstlicher Auf­forstung. Diese gesetzliche Bestimmung war aber noch lange keine Garantie für die lan­desweite Durchführung. 23 Schließlich befand sich unser Offizier auch hinsichtlich der sozialen Impulse in guter Gesellschaft. In allen politischen Lagern gab es Vertreter, die die Probleme des Pauperis­mus, der Landflucht und des Industrieproletariats gesehen haben. Zentral war dies im Denken der frühen Sozialisten und Kommunisten. Aber auch bei den Katholiken gab es sozial Denkende, wie Bernard Bolzano, Wilhelm Gärtner oder Anton Füster, um einige Beispiele aus Österreich zu nennen. 24 Allerdings hat die Kirche erst spät mit der Enzyk­lika Rerum Novarum deutliche Konsequenzen gezogen, und Wolfgang Häusler hat sicher recht damit, daß die romantische Utopie einer feudal-zünftischen Ständeordnung keine ernstzunehmende Antwort auf die brennenden Probleme der entstehenden Industriege­sellschaft war. 25 Schließlich gab es auch im liberalen Lager den Versuch, die soziale Frage zu beantworten. 26 Diesen Elementen stehen einige utopische gegenüber. Da ist einmal der Zivildienst. Nun gibt es heute in mehreren Ländern die Möglichkeit, anstelle des Militärdienstes einen Zivildienst abzuleisten. Dennoch möchte ich die Einrichtung, die in unserer Broschüre vorgeschlagen wird — und ich betone, es kommt mehrmals das heute verwendete Wort „Zivildienst" vor — doch als utopisches Element werten. Mir ist jedenfalls keine andere Stimme aus jener Zeit bekannt, die diesen Gedanken ausgesprochen hat. Utopisch ist ferner die Zwangslandwirtschaft zu nennen, und ebenso die zwangswei­sen Baumpflanzungen. Utopisch sind auch gewisse Details der Maßnahmen im sozialen Bereich, die man als Sozialromantik bezeichnen könnte. Utopisch ist aber vor allem die Zusammenführung und Mischung der verschiedenen Bereiche. Staatliche Maßnahmen waren und sind überwiegend eindimensional, d.h. man erkennt ein Problem und sucht eine Lösung dafür. Man ist sich wohl mehr oder weniger bewußt, daß jedes Problem mehrere Ursachen und jede Maßnahme mehrfache Folgen hat, aber man will kaum anhand eines Problems zehn andere lösen. Die Utopie aber kennt das „Allheilmittel", das es in Wirklichkeit nicht gibt. Die Utopie ist der Versuch, mittels eines Grundgedankens oder Prinzips ein ideales Staatswesen auszudenken. 27 So ist auch der Versuch unseres Offiziers utopisch zu nennen, wenn er ausgehend von der Pietät nicht nur das System der Wehrpflicht, sondern auch die Gesellschaftsstruktur und die sozialen Prob­leme bis hin zur Landwirtschaft und zum Klima sanieren will. 23 Vgl. das Kapitel „Waldbau" in Albert Bedő: Die wirtschaftliche und commercielle Beschreibung der Wälder des ungarischen Staates (Budapest 2 1896) 1, XX—XXIX; István N. Kiss: Waldnutzung und -Verwaltung in Ungarn (IL— 20. Jahrhundert). In: Etudes historique hongroises 1990, 3: Environment and Society in Hungary, hg. v. Ferenc Glatz (Budapest 1990) 123—143. Für Österreich siehe Franz Hafner: Steiermarks Wald in Ge­schichte und Gegenwart. Eine forstliche Monographie (Wien 1979). 24 Dazu Wolfgang Häusler. Von der Massenarmut zur Arbeiterbewegung. Demokratie und soziale Frage in der Wiener Revolution von 1848 (Wien—München 1979) 331—347. 25 Ebd. 346. 26 Wilhelm midi: Liberalismus und soziale Frage in Österreich. Deutschliberale Reaktionen und Einflüsse auf die frühe österreichische Arbeiterbewegung (1867—1879) (= Studien zur Geschichte der österreichisch­ungarischen Monarchie 23, Wien 1987). Allgemein zu diesem Thema siehe Kurt Ebert: Die Anfänge der moder­nen Sozialpolitik in Österreich. Die Taaffesche Sozialgesetzgebung für die Arbeiter im Rahmen der Gewerbeord­nungsreform (1879—1885) (= Studien zur Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie 15, Wien 1975). 27 Zum utopischen Staat u.a. Klaus J. Heinisch (Hg.), Der utopische Staat, Reinbek bei Hamburg 1960.

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