Grosse, Johannes dr.: Ignaz Philipp Semmelweis, der Entdecker der Ursache des Kindbett-Fiebers (Leipzig-Wien, 1898)

Dritter theil. Seine Anerkennung nach dem Tode

47 Ist also ein gewisser Connex zwischen dem verhältnismässig raschen Durchdringen Lister’s und der bahnbrechenden Thätigkeit seines Vorgängers nicht zu verkennen, so ist es anderseits unbe­streitbar, dass wieder umgekehrt der Sieg Lister’s auch für die Annahme der Semmelweis’schen Lehren ausschlaggebend ge­worden ist. In dem Maasse als die Aetiologie der Wundkrank­heiten eine Umgestaltung erfuhr, minderte sich auch die Anzahl der Gegner der letzteren und die Einführung der antiseptischen Wundbehandlung ist gleichbedeutend mit dem endlichen Siege der Antisepsis in der Geburtshilfe. Ja noch mehr! angespornt durch die überraschenden und ungeahnten Resultate, welche die Chirurgie der neuen Methode zu verdanken hatte, begannen auch die Geburtshelfer die Regeln der Antisepsis nicht nur auf das Gewissenhafteste zu beobachten, sondern darin sogar sich viel­facher Uebertreibungen schuldig zu machen. Die weise Mässigung, deren sich Semmelweis befleissigt hatte, dem die Antisepsis nur ein Mittel zum Zwecke war — ausser acht lassend, fiel man aus einem Extrem ins andere, bis endlich die traurige Erfahrung, dass man die Gebärenden und Wöchnerinnen gerade durch diese Methoden, die sie vor der Möglichkeit einer Infection bewahren sollten, am meisten gefährde, eine wohlthätige Ernüchterung zur Folge hatte. Und erst von dem Augenblicke an, als diese Ernüchterung eingetreten war, konnte gesagt werden, dass die Geburtshilfe in Wirklichkeit von der geistigen Erbschaft, die Semmelweis hinterlassen, Besitz genommen hat. Und diese Erbschaft hat auch bis heute, selbst im Lichte der neueren Medicin betrachtet, nichts von ihrem Werte eingebüßt. Semmelweis hat mit seiner Lehre für die Geburtshilfe schon von vornherein all jene Umgestaltungen anticipiert, die um vieles später auf dem Felde der Chirurgie unter dem Ein­flüsse der bakteriologischen Forschung vor sich giengen; nur daraus wird es erklärlich, dass diese Lehre, trotz Lister und seiner Nachfolger, nicht nur keine Erschütterung, sondern sogar nach allen Richtungen hin eine Befestigung erfahren hat. Dr. Bruck schliesst sein bedeutendes Werk über Semmel­weis mit folgenden Worten:

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