Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers
58 Semmelweis’ Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers. merksamkeit richtete, lag eine Mutter mit verjauchendem Krebse auf der Klinik und wurde von vielen Candidaten untersucht, ohne dass Jemand daran gedacht hätte, auch hier Waschungen mit Chlorkalk vorzunehmen und siehe da, es erkrankten sechzehn von den Schwangeren, die sich zu derselben Zeit auf dem Kreisszimmer befunden hatten. Uebrigens aber will Dr. Arneth bei den noch bedeutenden Schwankungen der Sterblichkeits-Verhältnisse auch unter dem Gebrauche der Chlorkalkwaschungen den epidemischen Einflüssen doch einige Geltung einräumen, keineswegs aber will er zugeben, dass auch in der Privatpraxis Puerperalfieber-Epidemien auftreten, und führt dafür Dr. Clarke als eine englische Autorität in diesem Fache an, indem letzterer angibt, in der Privatpraxis von 3878 Müttern nur 3 verloren zu haben. Als Beleg, dass selbst in der neuesten Zeit von den Engländern wohl an ein Contagium bei der oft genannten Krankheit und an die Möglichkeit ihrer Erzeugung durch andere Krankheitsstoffe, wie z. B. dem des Erysipels geglaubt wird, liest Dr. Arneth einen Brief von Dr. Simpson vor, in welchem darauf hingewiesen wird, dass die englischen Aerzte seit lange schon in diesen Ideen von einem flüchtigen Ansteckungsstoffe nach Besuchen bei Puerperalfiebern oder Erysipel etc. etc. sich nicht allein die Hände mit Chlor waschen, sondern auch sich ganz und gar umkleiden, wobei aber Dr. Simpson der ihm mitgetheilten Ansicht des Dr. Semmelweis von einer durchwegs materiellen Uebertragung vom Cadaver her keine Aufmerksamkeit zuwendet. Zum Schlüsse erklärt sich Dr. Arneth gleichfalls dahin, dass man wie bei anderen Entdeckungen, so auch hier dem Dr. Semmelweis allein Dank schulden könne, da er nicht nur eine neue Idee zu Tage, sondern eben so dieselbe, was die Hauptsache ist, zur folgenreichen Anwendung und Geltung gebracht hat. Präses Professor Rokitansky fasst nun die Hauptmomente der Diskussion zusammen, weist auf den unbestreitbaren Nutzen der Chlorkalkwaschungen hin, der selbst von den Gegnern der Semmelweis’- schen Ansichten zugegeben wird.............................................................