Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
446 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. Eine der Quellen, aus welchen der das Kindbettfieber erzeugende zersetzte thierisch-organische Stoff genommen wird, ist allerdings die Leiche, aber nicht die Leiche allein. Für mich ist daher nur das ein ätiologisches Moment des Kindbettfiebers, was einen zersetzten Stoff in den Individuen entstehen macht; für mich ist daher nur das ein ätiologisches Moment des Kindbettfiebers, welches dem Individuum von Aussen einen zersetzten Stoff einbringt; alles übrige der bisher gütigen Aetiologie des Kindbettfiebers, welches weder in den Individuen einen deletären Stoff entstehen macht, noch den Individuen einen deletären Stoff von Aussen einbringt, und was seit Jahrhunderten gedankenlos als Aetiologie des Kindbettfiebers gelehrt wurde, ist keine Aetiologie des Kindbettfiebers. Wenn ich auch Ihre Ueberzeugung theile, dass nicht alle Puer- peral-Fieber-Epidemien und alle Fälle von Puerperal-Fieber in Folge cadaveröser Infection entstehen, so trenne ich mich gleich von Ihnen, Herr Hofrath, wenn Sie behaupten, dass nur in einigen Fällen das Kindbettfieber in Folge cadaveröser Infection entstehe, und wenn Sie es zu weit gegangen nennen, wenn man das so häufige Auftreten, den bösartigen Charakter, und die epidemische Verbreitung der Krankheit in Gebärhäusern durch cadaveröse Infection erklärt. Eine jede der drei Quellen kann eine Pseudo-Epidemie hervor- rufen. Im Schuljahre 1856—7 und 1857—8 hat die dritte Quelle eine Pseudo-Epidemie hervorgerufen an der geburtshilflichen Klinik zu Pest. Die Pseudo-Epidemien des St. Rochusspitals kamen von der zweiten Quelle; Chiari hatte in Prag zwei Pseudo-Epidemien aus der zweiten Quelle gehabt, und das häufige Auftreten, der böswillige Charakter und die furchtbaren Pseudo-Epidemien im Wiener Gebärhause wurden zum grössten Theil aus der ersten Quelle erzeugt. Die Pseudo-Epidemien des Wiener Gebärhauses, namentlich das Plus der Sterblichkeit an der I. Klinik im Vergleiche zur II. Klinik während der sechs Jahre, wo die I. Klinik ausschliesslich Klinik für Aerzte war, ohne Chlorwaschungen, war ausschliesslich cadaveröse Infection. Wovon folgende Tabelle Sie, Herr Hofrath, überzeugen wird. Das Wiener Gebärhaus wurde eröffnet den 16. August 1784. 39 Jahre Medicin in Wien ohne anatomische Grundlage. Wöchnerinnen Todte Percent 71,395 897 1,25 10 Jahre Medicin mit anatomischer Grundlage. Wöchnerinnen Todte Percent 28,429 1509 5,30 8 Jahre Trennung des Gebärhauses in zwei Abtheilungen, an beiden Abtheilungen Schüler und Schülerinnen in gleicher Anzahl vertheilt. I. Abtheilung: II. Abtheilung: Wöchner. Todte Percent Wöchner. Todte Percent 23,059 1505 6.56 13,097 731 5.58 6 Jahre I. Abtheilung ausschliesslich Klinik für Aerzte, II. Abtheilung ausschliesslich Klinik für Hebammen. Ohne Chlorwaschungen. I. Klinik. II. Klinik. Klinik für Aerzte: Klinik für Hebammen: Wöchner. Todte Percent Wöchner. Todte Percent 20,042 1989 9.92 17,791 691 3.38