Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
436 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. „Man könnte dagegen einwenden: In der Anstalt selbst sei durch hier erzeugte miasmatische Einflüsse der Grund zu suchen; allein, dem ist nicht so; denn einmal ist nicht leicht anzunehmen, dass in einer so neuen, und mit den besten Einrichtungen versehenen, keineswegs überfüllten Anstalt ein Miasma aufkommen könne, und dann, auch das erste zugegeben, kamen während derselben Zeit nicht allein in Würzburg selbst, sondern auch in dessen Umgebung puerpérale Erkrankungen vor, die nicht, was noch besonders hervorzuheben ist, von demselben Arzte behandelt wurden. Ein weiterer Grund für die oben ausgesprochene Ansicht mag auch der sein, dass zu derselben Zeit ausserhalb der Anstalt unverhältnissmässig viele Blutungen während des Gebnrtsaktes, so wie auch mehrere tödtlich endende puerperale Erkrankungen zur Behandlung kamen. Es dürfte also wohl nicht zu gewagt erscheinen, wenn man zur Erklärung aller dieser Erscheinungen seine Zuflucht zu dem Einflüsse des gerade herrschenden genius epi- demicus nimmt.“ „Ein zweiter Grund, der wohl oft auf das bösartige Auftreten von Puerperal-Fiebern in Gebärhäusern von grossem Einfluss ist, fällt hier auch weg, der peinliche Gemüthsaffekt nämlich, den die vor so vielen männlichen Individuen vor sich gehende Geburt nothwendig auf die Kreissende haben muss. Einmal wurden während der Epidemie keine Studirenden zu den Geburten zugelassen, und dann sind nicht nur auf der dritten Abtheilung Erkrankungen vorgekommen, sondern auch auf der zweiten und ersten Classe, wohin, ausser im Falle einer Erkrankung, kein männliches Individuum kömmt. Auch die Individualität zeigte keinen Einfluss; schwächliche und starke, gesund aussehende Wöchnerinnen wurden befallen; gerade bei den lethal endenden Fällen waren die Frauen meist stark und kräftig, während die schwächlichsten mit leichten Erkrankungen davon kamen.“ Ich beantworte die Frage nach dem Grunde dieser Erkrankungsund Sterbefälle dahin, dass diesen Individuen zersetzte thierisch- organische Stoffe auf eine oder die andere Weise von Aussen ein- gebracht wurden. Dass diese Erkrankungs- und Sterbefälle nicht miasmatischen Ursprungs in Ihrem Sinne seien, glaube ich auch; denn ein Puerperal- Miasma in Ihrem Sinne existirt nicht; aber auch das Puerperal-Miasma in meinem Sinne hat diese Erkankungen nicht hervorgebracht, weil das Puerperal-Miasma in meinem Sinne nur in der Nachgeburtsperiode und im Wochenbett inficiren kann; die 30 Erkrankungen aber sind Folgen einer Infection von Aussen, welche vor der Austreibungsperiode geschah, was die früher erwähnten Anomalien während und nach der Geburt, und der Umstand beweiset, dass die Kinder an einer der Mutter ähnlichen Blutentmischung ebenfalls starben. Meine Ansicht über das Puerperal-Miasma ist folgende: werden die physiologischen Exhalationen der Wöchnerinnen und der Säuglinge nicht durch Ventilationen entfernt, so gehen selbe, in der Luft suspendirt, eine Zersetzung ein, oder werden fertige zersetzte Stoffe von einer oder mehreren kranken Wöchnerinnen exhalirt, so können diese in der Luft suspendirt gehaltenen zersetzten Stoffe nur von der inneren Fläche des Uterus durch Resorption aufgenommen werden; das Puerperal-Miasma in diesem Sinne kann daher nur in der Nachgeburtsperiode und im Wochenbette, wo die innere Fläche des Uterus der mit zersetzten Stoffen geschwängerten Luft zugängig ist, Er