Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
räume gebracht werden müssen, oder wenn die Säle der Wöchnerinnen sehr gross sind und die Ankommenden in den Wochenzimmern der Reihe nach gebären. Die Ausdünstung der faulenden Excremente, so wie die Lungenausdünstung der mit putriden Fiebern behafteten Wöchnerinnen, der durch das Zusammenleben vieler Wöchnerinnen erzeugte Puerperalgeruch, die Nichtabsonderung der Kranken von Gesunden, die Unterlassung der Absperrung der Krankenzimmer, der freie Verkehr der Wärterinnen der Kranken mit denen der Gesunden, die Hilfeleistung der Hebammen oder der Aerzte bei Gesunden nach Explorationen oder Injectionen bei kranken Wöchnerinnen, die gemeinschaftliche Verwendung der Wäsche, der Schwämme, Leibschüsseln, bei Gesunden und bei Kranken, vieljährig benützte und mangelhaft gereinigte Wäsche, Vermengung der Wäsche der Gebärhäuser mit jener der Krankenhäuser, seltener Wechsel der Matratzen, Strohsäcke und Unterdecken, stete Benützung aller Räume eines Gebärhauses, der ununterbrochene Unterricht in überfüllten Gebärhäusern, die erschwerte Ueberwachung einer grösseren Zahl von Schülern und Schülerinnen, die Ueberfüllung der Gebärhäuser im Winter, zur Zeit der Epidemien, die unbeschränkte Aufnahme aller gesunden und kranken Schwängern und Gebärenden, der Monate lange Aufenthalt der Schwängern in den Gebärhäusern, die Anfüllung der Gebärhäuser mit ledigen, der trostlosesten Bevölkerung entnommenen Weibern, das mehrmalige Ueberlegen der Wöchnerinnen in den ersten acht Tagen, das zu lange Aufbewahren der Leichen verstorbener Säuglinge oder der Placenten neben den Wochenzimmern, die meistens sehr geringe Anzahl der überwachenden Aerzte, der stete Verkehr der Schwangeren mit den Patienten der Krankenhäuser in gemeinschaftlichen Höfen, die Unterbringung der mit zymotischen Krankheiten behafteten Gebärenden in dem Kreissezimmer der Gesunden, mangelhafte oder beschwerliche Zufuhr des Wassers in die obersten Stockwerke, das zu lange oder nächtliche Verweilen einer grösseren Anzahl von Menschen im Gebärzimmer, die zu oft wiederholte Exploration verzögerter Geburten, Mangel eines Locales, um einer Ueberfüllung Vorbeugen zu können, Mangel eines Uebereinkommens zur Zeit der Epidemien und der Ueberfüllung, Gebärende und Wöchnerinnen in Privatwohnungen auf öffentliche Kosten verpflegen zu können, die unterlassene oder nicht gestattete Entfernung der Puerperalkranken aus den Gebärhäusern, während gleichzeitiger häufiger Erkrankungen. Alle diese Uebelstände, welche vereinzelt in den verschiedenen Gebärhäusern Vorkommen, erklären die theils günstigeren oder schlechteren Resultate mancher Gebärhäuser, veranlassen die grössere Gefahr der Erkrankung in denselben, als in Privatwohnungen, und stellen uns die Thatsachen vor Augen, dass die Localverhältnisse in manchen Gebärhäusern, die aber oft nur mit grossen Kosten abzuändern sind, einen mächtigen Einfluss auf das Entstehen, die Gefährlichkeit und Ausbreitung der Puerperalprocesse ausüben. Diese von Carl Braun aufgezählten unzweckmässigen Verhältnisse der Gebärhäuser sind entweder keine Ursachen des Kindbettfiebers, oder wenn selbe Ursachen des Kindbettfiebers sind, so sind es selbe nur dadurch, dass durch diese unzweckmässigen Verhältnisse der Gebärhäuser den Individuen von aussen ein zersetzter Stoff eingebracht wird. Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.