Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
416 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. wirklich zum Unterrichte benützten Individuen weniger enorm erscheinen lassen. Aber an einer Anstalt, wo 150 bis 200 Geburten Vorkommen, wird ein jeder Fall zum Unterrichte benützt, und ist trotz der vortrefflichen Anordnungen nur ein indolentes Individuum vorhanden, so zeigt sich eine enorme Sterblichkeit. Zu meiner schmerzlichsten Ueberraschung finde ich Cliiari meinen Gegnern angereiht, ohne dass Chiari dem widersprochen hätte; der Leser erinnert sich, dass Chiari, nachdem er mit meiner Ansicht über die Entstehung des Kindbettfiebers bekannt wurde, sich den Tod der Kranken mit einem fibrösen Gebärmutter-Polypen nicht mehr durch epidemische Einflüsse, sondern durch Infection erklärte. Der Leser erinnert sich, dass Chiari in der Gesellschaft der Aerzte zu Wien erklärte, die Sterblichkeit der I. Klinik ist abhängig von Verhältnissen, wie solche von Dr. Semmelweis näher bezeichnet worden sind; und Chiari hatte den Aufsatz, in welchem er mittheilt, dass in Prag zweimal eine Puerperalfieber-Epidemie ausgebrochen ist, dass die Genitalien zweier Kreissenden Jauche lieferten, schon in seinem Schreibtische, als er es duldete, unter meinen Gegnern genannt zu werden (siehe 188). Damit sich der Leser überzeugen könne, dass Chiari mit dem Aufsätze, auf welchen sich Carl Braun beruft, um Chiari als Gegner von mir zu characterisiren, keine Opposition gegen mich beabsichtigte, wollen wir diesen Aufsatz hier wörtlich geben: Protocoll der Sectionssitzung für Physiologie und Pathologie vom 27. Juni 18511). Docent und supplirender Primararzt Dr. Chiari hält einen Vortrag über Pyaemie im Puerperio ohne Gebärmutterleiden. Es kommen bei Wöchnerinnen nicht selten Erkrankungsfälle mit sogenannten typhösen Erscheinungen vor, wobei wegen Abwesenheit eines nachweisbaren Uterusleidens die Diagnose sehr häufig auf Typhus gestellt wird. Der Verlauf dieser Krankheitsfälle ist meist folgender: Nach anscheinend geringer Unpässlichkeit in der ersten Woche des Wochenbettes tritt mit heftigem Froste sehr starkes Fieber auf, das Bauchfell sowohl als der Uterus zeigen keine Schmerzhaftigkeit; der Lochialfluss weicht nicht von der Norm ab; die Milz wird grösser; in den Lungen finden sich häufig die Zeichen eines bedeutenden Katarrhes; der Harn enthält manchmal Eiter; die Hitze der Haut ist bedeutend, letztere trocken; Delirien sind meist vorhanden. Unter diesen Erscheinungen tritt nach sechs- bis achttägiger Dauer der Krankheit rascher Verfall der Kräfte und meist baldiger Tod ein. In einzelnen Fällen treten noch in den letzten Tagen Schüttelfröste und gelbliche Hautfarbe als Zeichen der Pyaemie auf. Bei den Sectionen finden sich in verschiedenen Organen meta- statische Entzündungen, ohne dass man im Uterus Phlebitis oder J) Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien. 7. Jahrgang. December- heft 1851. P. CLXI.