Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis'schen Lehre

34 Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis’schen Lehre. Dr. Carl Haller Primararzt und provisorischer Directions-Adjunct. Aerztlicher Bericht über das k. k. allgemeine Krankenhaus in Wien und die damit vereinigten Anstalten: die k. k. Gebär-, Irren- und Findel-Anstalt im Solar-Jahre 1848. Das Sterblichkeits-Verhältniss auf den beiden grossen Gratisabtheilungen der Gebäranstalt ist fast ein gleiches, und muss in jeder Beziehung ein Befriedigendes genannt werden. Seit Jahren bestand jedoch eine bedenkliche Verschiedenheit. Die unter Leitung des Prof. Klein befindliche I. Gebärklinik, welcher ausschliesslich alle männlichen Schüler zugewiesen sind, hatte eine auffallend grosse Sterblichkeit gegen Professor Bartsch’s Schule, an der sämmtliche Hebammen den Unter­richt erhalten. Die Gründe dieser höchst beunruhigenden Erscheinung konnten nie mit Sicherheit ermittelt werden. — Das grosse Verdienst ihrer Entdeckung gebührt dem emeritirten Assistenten der I. Gebärklinik, Dr. Semmelweis. Von der Vermuthung geleitet, dass die zahl­reichen Erkrankungen und Todesfälle unter den Wöchnerinen der I. Gebärklinik vielleicht zum grossen Theile in einer Einbringung von Leichengift durch das Touchiren der gleichzeitig in der Sektionskammer beschäftigten Studirenden und Geburtsärzte bedingt sein könnte, und dieses durch die bisher übliche Reinigung mit Seifenwasser nicht mit vollkommener Sicherheit hintangehalten werde, liess er im Mai d. J. 1847 mit Zustimmung Professor Kleins jeden die Gebäranstalt betretenden Arzt und Schüler vor jeder ersten Untersuchung einer Gebärenden oder Wöchnerin die Hände sorgfältig mit Chlorkalk-Lösung reinigen und diese Reinigung nach jeder Untersuchung einer nur im geringsten Grade kranken Wöchnerin wiederholen. Die consequente Durchführung dieser Massregel hatte schon in den ersten Monaten überraschende Erfolge. Die Zahl der Todesfälle verminderte sich bereits im Jahre 1847 bei fast gleicher Anzahl der Geburten um 283, und sank von 11.4 % auf 5.04 %; im Verlauf vom Jahre 1848 aber, wo diese Reinigung durch alle Monate beharrlich und methodisch fortgesetzt wurde, stellte sich das SterblichkeitsWerhältniss dem auf der II. Gebärklinik gleich, ja zufällig noch um 0.1 °/o günstiger. Mit der verminderten Erkrankung und Sterblichkeit der Mütter konnte auch für die Lebenserhaltung der N e u g e b o r n e n ent­sprechender gesorgt werden, und auch hier nahm die Sterblichkeit im merkbaren Grade ab. Die überzeugenden Beweise für die Richtigkeit dieser Schluss­folge kann der Leser aus einem vergleichenden Blicke der nach­folgenden Tabelle schöpfen, in welcher Geburts- und Todes­

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