Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis'schen Lehre

32 Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis’schen Lehre. thürnliehe Aengstlichkeit; ein allgemeines Schmerzgefühl wurde im Uterus empfunden, das entweder vom Organe selbst, oder vom Peri­toneum herrührte. So wie der Zustand an Intensität zunahm, trat Hitze ein, Trockenheit der Zunge, Appetitlosigkeit. Durst u. s. w. Die Lochien waren selten afficirt, weder an Qualität noch an Quantität, Die Milchsecretion ging unverändert und unverringert vor sich. War die Haut am Anfang der Krankheit trockener als gewöhn­lich, so war dieser Zustand nicht andauernd, da die Respiration eine immer frequentere wurde und die Frequenz bis zur Auflösung fort­während zunahm. Grosse violettfarbige Flecken kamen manchmal an den Extremitäten vor. In einigen sehr seltenen Fällen waren auch die Sinne afficirt; sie klärten sich indess meistens allmälig bis wenige Minuten vor dem Tode. Die wichtigsten localen Symptome waren jene der Peritonitis; sie nahmen an Intensität stufenweise zu. Die Schmerzen hörten gewöhnlich eine Stunde vor dem Tode auf; indem das Gesicht allmälig einen bleichen, gelblichen, leichenähnlichen Ausdruck annahm. Die post mortem gemachten Beobachtungen liefer­ten folgende Ergebnisse: Arachnitis in geringem Masse. Manch­mal Endocarditis, sehr oft Pericarditis. Beinahe immer etwas Pleu­ritis oder Pneumonie. Leber und Milz gesund. Diffuse Peri­tonitis mit plastischen Verwachsungen und sero-purulenter Flüssigkeit in der Abdominal höhle. Die Gebärmutter war sehr aufgelockert, sein- weich und leicht zerreissbar, mit Eiter in den Adern, hauptsächlich in der Gegend der Fallop’schen Tuben. Die innere Oberfläche war von gelblich-weisser Färbung, mit stellenweisen plastischen Exsudaten. Trat der Tod früh ein, so war nur eine kothähnliche Flüssigkeit in der Abdominalhöhle vorzufinden, mit Endometritis und Eiter in den Adern des Uterus. Oft war der Fall eine blosse Peritonitis, wobei die Gebärmutter kaum angegriffen war. Der Körper war sehr geneigt zur Auflösung; die äussere Oberfläche fleckig, hauptsächlich an den Extremitäten; die oberflächlichen Adern sehr sichtbar von matter, bläulich rother Farbe. Das Blut gewöhnlich flüssig und sehr dunkel, an der Luft nicht gerinnend. Das Fieber war nicht in allen Fällen gleich heftig. Dieser Um­stand mag seine Erklärung entweder in der Idiosynkrasie der Frauen oder in der Verschiedenheit des Giftes finden. Nach allen diesen glaubt Verfasser (indem er allerdings geneigt ist anzuerkennen, dass das Puerperalfieber, so wie andere Fieber, durch epidemische Einflüsse modificirt werden kann) sich zu nach­stehenden Folgerungen berechtigt : 1. Dass das Puerperalfieber in Wien als ein endemisches Fieber zu betrachten ist. 2. Dass das Fieber durch directes Beibringen von Leichenstoffen entsteht, die durch die Hand des behandelnden Arztes eingeführt werden. 3. Dass die Leichenstoffe, die von Körpern an Typhus, Erysi­pelas, Puerperal- und anderen Fiebern Gestorbener herrühren, be­sonders gefährlich sind; indessen ist die Möglichkeit nicht ausge­schlossen, dass gewöhnliche Leichenstoffe ebenfalls verhängnissvoll seien. 4. Dass das Fieber weder als contagiös noch als infectiös zu betrachten ist.

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