Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 101 während in Wirklichkeit eine grosse Anzahl von Wöchnerinnen unter­lag. An der zweiten Abtheilung wurden Transferirungen in solcher Ausdehnung nie vorgenommen, es wurden nur einzelne Wöchnerinnen, welche sich wegen ihres Zustandes für die Uebrigen als zu gefährlich erwiesen, transferirt. Dieses Plus der Sterblichkeit an der ersten Abtheilung im Ver­gleiche zur zweiten sind die vielen hundert Wöchnerinnen, welche ich zum Theile selbst an Puerperal-Processen sterben sah, ohne für dieselben das aetiologische Moment in der bisher gütigen Aetiologie finden zu können. Um dem Leser ebenfalls die Ueberzeugung beizubringen, dass dieses Plus der Sterblichkeit aus der bisher gütigen Aetiologie nicht erklärt werden könne, wollen wir nun die bisher gütigen aetiologi- schen Momente des Kindbettfiebers in ihrer Anwendung zur Erklärung dieses Plus der Sterblichkeit einer näheren Prüfung unterziehen. Man zweifelte nicht und sprach es tausendmal aus, dass die furchtbaren Verheerungen, welche das Kindbettfieber an der ersten geburtshilflichen Abtheilung anrichtet, epidemischen Einflüssen zuzu­schreiben seien. Man versteht unter epidemischen Einflüssen bisher noch nicht genau zu definirende atmosphärische, cosmische, tellurische Veränderungen, welche sich manchmal über ganze Länderstrecken ausbreiten, und bei durch das Puerperium dazu disponirten Individuen das Kindbettfieber hervorbringen. Wenn nun die atmosphärisch- cosmisch-tellurischen Verhältnisse der Stadt Wien derart beschaffen sind, dass sie bei durch das Puerperium disponirten Individuen das Puerperalfieber hervorzubringen im Stande sind, wie kommt es denn, dass diese atmosphärisch-cosmisch-tellurischen Einflüsse durch eine so lange Reihe von Jahren vorzüglich die durch das Puerperium disponirten, auf der ersten geburtshilflichen Klinik befindlichen Indi­viduen dahinraffte, während es die ebenfalls in Wien, im selben Hause ebenfalls durch das Puerperium disponirten, auf der zweiten Abtheilung befindlichen Individuen so auffallend verschonte. Mir scheint es keinem Zweifel zu unterliegen, dass, wenn die Verheerungen des Kindbettfiebers an der ersten geburtshilflichen Abtheilung epidemischen Einflüssen zuzuschreiben seien, sich dieselben an der zweiten geburts­hilflichen Abtheilung mit geringeren Schwankungen wiederholen müssten, widrigenfalls wird man zu der ungereimten Annahme gedrängt, dass die epidemischen Einflüsse 24 stündige Remissionen und Exacerbationen ihrer verderblichen Thätigkeit erleiden, und dass gerade die Remis­sionen durch eine Reihe von Jahren mit der Aufnahmszeit auf der zweiten geburtshilflichen Klinik zusammenfallen, während die Exa­cerbationen durch eine Reihe von Jahren gerade zur Zeit als die Aufnahme auf der ersten Abtheilung stattfindet, eintreten. Aber selbst dann, wenn man so etwas Ungereimtes gelten lassen würde, wäre der Unterschied der Sterblichkeit an beiden Abtheilungen durch epidemische Einflüsse nicht erklärt. Die epidemischen Einflüsse wirken während der Exacerbation auf die Individuen entweder vor ihrer Aufnahme ins Gebärhaus, oder sie wirken auf die Individuen während ihres Aufenthaltes im Gebärhause. Wirken sie ausserhalb des Gebär­hauses auf die Individuen, so sind gewiss sowohl diejenigen, welche auf der ersten geburtshilflichen Klinik aufgenommen werden, als die­jenigen, welche sich auf der zweiten Klinik zur Aufnahme melden, der verderblichen Wirkung der epidemischen Einflüsse ausserhalb

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