Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

92 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. rung- der Axillardrüsen und machte eine mehrere Monate dauernde schwere Krankheit durch. Da nun die Individuen in den Gebärhäusern in der Regel ausser­halb der Genitalsphäre keine zur Resorption geeignete Stelle dar­bieten, so muss nothwendiger Weise der zersetzte Stoff, welcher die Eigenschaft besitzt, das Kindbettfieber hervorzubringen, den Individuen in die Genitalien eingebracht werden; da nun aber die Kleider des Geburtshelfers nicht in die Genitalien der Individuen eingebracht werden, so ist die Sitte der Engländer, die Kleider zu wechseln, um das Kindbettfieber nicht durch die Kleider zu verschleppen, eine zwar unschädliche, aber überflüssige Vorsicht. Ich und die Schüler haben im Jahre 1848 zu Wien unsere Kleider nach Beschäftigungen mit solchen Dingen, welche die Eigenschaft be­sitzen. das Kindbettfieber hervorzubringen, nicht gewechselt, wir haben nur unsere Hände der Einwirkung des Chlors ausgesetzt, und haben im Jahre 1848 von 3556 Wöchnerinnen nur 45, d. i. 1.27 Percent am Kindbettfieber verloren. In den oben angeführten Fällen, wo der Geburtshelfer, ohne die Kleider gewechselt zu haben, gesunde Kreissende besuchte, welche dann am Kindbettfieber gestorben sind, waren gewiss nicht die Kleider, sondern seine Hände die Träger des zersetzten Stoffes, welche, weil sie nicht gewechselt werden konnten, desinficirt hätten werden sollen. Wenn durch die angeführten Beschäftigungen die Kleider mit zer­setzten Stoffen so sehr verunreinigt wurden, so wurden es die Hände gewiss noch mehr, und mit diesen Händen wurde innerlich untersucht. Damit das Kindbettfieber entstehe, ist es Conditio sine qua non. dass der zersetzte Stoff in die Genitalien eingebracht Averde. Mit von zersetzten Stoffen verunreinigten Händen können die Individuen in- und ausserhalb der Gebärhäuser allen möglichen medicinischen Untersuchungen mit Ausnahme der Exploratio obstetricia interna untemorfen werden, ohne dadurch der Gefahr eines Puer­peralfiebers ausgesetzt zu sein. Dass die Epidermis die Resorption des zersetzten Stoffes verhindere, beweist ja der Umstand, dass der Geburtshelfer, unbeschadet seiner Gesundheit, den zersetzten Stoff Stunden und Tage lang an seiner Hand herumträgt, welcher Stoff durch die innere Untersuchung mit der inneren Fläche des Uterus für Augenblicke in Berührung ge­bracht, resorbirt wird und dadurch das Kindbettfieber hervorbringt. Die Hände der Anatomen sind ja oft stundenlang in Berührung mit faulen Leichen und sie bleiben gesund; wird aber die Epidermis durch Verletzung entfernt, so entstellt die Krankheit, Avelche wir bei Kolletschka, und welche wir bei unserer Schülerin gesehen. Vermöge der Lage der Zimmer der ersten Gebärklinik Avurde die allgemeine Visite zweimal täglich in folgender Ordnung gehalten: zuerst war Visite auf dem Kreissezimmer, dann wurde die Hälfte der gesunden Wöchnerinnen besucht, dann wurde Visite in den Kranken­zimmern gemacht, und nun wurde die Visite mit der Besichtigung der zweiten Hälfte der gesunden Wöchnerinnen geschlossen. Wenn wir uns auch auf dem Krankenzimmer die Hände von Seite der kranken Wöchnerinnen verunreinigten, so fühlten wir den gesunden Wöchnerinnen der zweiten Hälfte, ohne uns früher in Chlor gewaschen zu haben, den Puls, AATir befühlten äusserlich den Bauch,

Next

/
Thumbnails
Contents