Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

78 Mann nach Haller’s Geschmack, ein Gelehrter, dem „die Weihe einer charaktervollen Gesinnung” nicht mangelte. Professor Klein dagegen ergriff in keiner der drei Sitzungen das Wort! Wahrscheinlich war er denselben ganz ferngeblieben. Die Hoffnung, ihn zu bekehren, hatten Skoda und Hebra schon längst aufgegeben. Ihnen handelte es sich darum, der Sache immer neue Freunde zu gewinnen. Das neue Desinfektionsverfahren war auf beiden Kliniken und am Zahlstock des Wiener Gebärhauses eingeführt, ebenso auch auf der gynäkologischen Abteilung des allgemeinen Krankenhauses, und Skoda’s unermüdlicher Tatkraft war es gelungen, nach und nach alle maßgebenden medizinisch-wissenschaftlichen Körperschaften Wiens zu einer entschiedenen Kundgebung zugunsten der Semmelweis’schen Entdeckung zu veranlassen: das Professorenkollegium, die kaiserliche Akademie der Wissenschaften, die k. k. Gesellschaft der Ärzte! Was hatte dagegen Klein’s Widerstand zu bedeuten? Man ging einfach über ihn hinweg. Er war verknöchert in seinen Anschauungen, veraltet, dement und reif nur mehr zum Rücktritt. Semmelweis’ Stern schien immer höher zu steigen. Mit Beziehung auf die denkwürdige Redeschlacht schrieb der erste Sekretär, Dr. Herzfelder, in seinem Bericht über die Leistungen der k. k. Gesellschaft der Ärzte in Wien während des Jahres 1850 folgendes: „Angelangt bei der allgemeinen Pathologie, begegnen wir hier vor allem der, wie es scheint, auch praktisch gelungenen Lösung einer der größten Auf­gaben in der Medizin, es ist dies die Entstehungsursache der bisher so ver­heerend gewesenen Puerperalepidemie durch Dr. Semmelweis; seiner Ansicht nach wird das Wochenbettfieber nur durch die Aufsaugung fauler organischer Stoffe in das Blut der Mutter erzeugt und diese Stoffe werden, ohne deren Selbstentwicklung im eigenen Körper von Placentaresten und anderen Be­dingungen her völlig zu leugnen, von außen, und zwar zum größten Teile von in Zersetzung begriffenen Leichen her, in den mütterlichen Organismus durch die Geburtshelfer selbst eingeführt, weswegen Dr. Semmelweis den letzteren die fleißige Waschung vor jeder Entbindung mit Chlorkalklösungen angeordnet hat und hierdurch so glücklich war, die weitere Entwicklung stärkerer Epidemien bisher hintanzuhalten. Gegen die so gegebene Ent­stehungsweise der Krankheit fanden sich kräftige und ehrenwerte Gegner in den Doktoren Zipfel und Lumpe, welche aus statistischen Daten mehr den miasmatischen Ursprung des Übels vindiziert wissen wollten, in den Auf­klärungen des Dr. Semmelweis jedoch ebenso wie die Doktoren Scanzoni und Seyfert zu Prag eine hinlängliche Widerlegung fanden, so daß die in bezeichneter Weise aufgefaßte Krankheitsidee, welche auch an den Doktoren Arneth, Chiari und dem provisorischen Direktor Helm, sowie vom tier­ärztlichen Standpunkte aus in Professor Hayne ihre wärmsten Verteidiger fand, als wahrer Triumph medizinischer Forschung angesehen werden kann. Wie schon Bruck richtig bemerkte, beging Semmelweis den großen Fehler, seine drei Vorträge nicht niederzuschreiben, sie nicht in extenso zu veröffentlichen. Er ließ es dabei bewenden, daß die Zeitschrift der Ärztegesellschaft das offizielle Protokoll der Verhand-

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