Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

71 1850, drei Jahre nach seiner Entdeckung, sich vollkommen klar über alle Haupt- und Nebenfragen seiner Lehre! Zum ersten Male betont er, daß nicht nur der untersuchende Finger und die Luft, sondern auch alle Krankenutensilien, welche mit den Genitalien in Berührung gebracht werden, die Infektion erzeugen können, falls sie mit zer­setzten tierisch-organischen Stoffen verunreinigt sind, daß folglich die Desinfektion sich auch auf alle diese Utensilien zu er­strecken habe! Er hatte überdies neue statistische Beweise für die Richtigkeit derselben erbracht in der Geschichte des Wiener Gebär­hauses. Im Jahre 1784 wurde es eröffnet. Bis 1822, als Boer entlassen wurde, gab es 1'25% Mortalität. In den letzten Jahren unter Boer gab es öfters Endemien, denn in früheren Zeiten erreichte die Sterblichkeit nicht einmal 1%. Die Erklärung ist, daß um das Jahr 1820 die anato­mische Richtung in der Medizin sich immer mehr Bahn brach. Im Jahre 1821 wurde Biermayer der erste a. o. Professor der patho­logischen Anatomie in Wien, zwei Jahre später hatte Klein im Gebär­hause bereits 7-45% Mortalität. Am 19. April 1839 wurden die Ärzte und Mediziner der I., die Hebammenschülerinnen der II. Abteilung des Gebärhauses überwiesen. Sofort schnellte die Mortalität auf der I. Klein’schen Abteilung unheimlich in die Höhe, während auf der II. Bartsch’schen Abteilung der Gesundheitszustand sich erheblich besserte. Von 1841 bis 1843 gab es bei Klein verheerende Endemien mit bis zu 31% Mortalität im Monat! Ungerechnet die vielen Wöchnerinnen, die schwer krank, wegen Platzmangels ins Krankenhaus transferiert wurden und dort starben. Fast jede zweite Gebärende war dem Tode verfallen! Am 18. Juni 1850 setzte Semmelweis seine Ausführungen in der Gesellschaft der Ärzte fort. Das Protokoll berichtet: „Als Ergänzung zu seinem Vortrage in der letzten allgemeinen Sitzung der Gesellschaft (15. Mai) beleuchtet nun Herr Dr. Semmelweis die gegen seine Ansicht über die Genesis des Puerperalfiebers von den Doktoren Scanzoni und Seyfert gemachten Einwürfe, und zwar führt er an: wenn Scanzoni eine Tabelle der Entbundenen und vom Puerperalfieber Dahingerafften entwirft, welche ein besseres Sterblich­keitsverhältnis herausstellt, als dieses mit den Chlorwaschungen in Wien erzielt werden konnte, und sich zugleich dahin äußert, daß die Veranlassung zu einer Imprägnierung der Assistenten und Schüler der Gebärklinik mit von Leichen stammenden faulenden organischen Stoffen durch andere Lokalverhältnisse in Prag eine nur höchst seltene sei, so finde er hierin keineswegs einen Beweis wider den Nutzen der Chlorwaschungen an sich, sondern einzig und allein den Schluß logisch gerechtfertigt, daß die Chlorwaschungen daselbst für die Fälle der möglichen Einschleppung fauler Stoffe vom Kadaver her überflüssig seien, keineswegs aber für jene Erkrankungen, die durch Übertragung solcher Stoffe von anderen Kranken oder von einer etwa mit jauchenden Geschwüren behafteten Kreißenden auf eine gesunde Gebärende sich ausbilden können; es ist ja für den Arzt die Veranlassung zur Im-

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