Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

66 Dessenungeachtet kamen wieder neue, ziemlich zahlreiche Er­krankungen vor und Ende Januar 1850 entwickelte sich hei dem damals so plötzlichen Temperaturwechsel eine, wiewohl kurz dauernde, jedoch sehr bösartige Puerperalfieberepidemie, welche erst gegen die Mitte des Februars wieder erlosch. Im Monate November 1849 starben von 208 Entbundenen . . 10 „ „ Dezember 1849 „ „ 215 „ . . 16 Im Monate Januar 1850 jedoch erkrankten 30 an Puerperalfieber, wo­von 8 genasen, 10 starben und 12 ins Krankenhaus transferiert wurden. Wenn wir nun diese Zahlen mit den von anderen Jahren vergleichen, so ergibt sich keine besondere Differenz, und es kann unsere Anstalt wohl den Vergleich aushalten mit der geburtshilflichen Klinik für Hebammen in Wien, wo die Sterblichkeit keinesfalls eine so geringe ist als wir vermuteten und als es sein müßte, wenn das Einbringen von faulen Stoffen aus dem Seziersaale durch das Untersuchen der Gebärenden die häufigste Ursache des Puerperalfiebers wäre. Von der Art und Weise, wie durch Leichengift das Puerperalfieber eingeimpft wird, haben wir, offen gestanden, keine Vorstellung. Offenbar ist diese Ansicht dadurch entstanden, daß man gesehen hat, Leichengift auf frische Wunden gebracht, könne Entzündung der Wunde mit nachfolgender Lymphangoitis und Pyämie der Wunde hervorbringen. Um nun die Analogie dieses Prozesses mit der Entstehung des Puerperalfiebers herzustellen, dazu gehört: 1. Eine wunde Stelle. Diese Wunde existiert aber in der Scheide nicht oder doch nur dann, wenn Krankheiten der Scheide vorhanden sind, als Geschwüre, Exkoriationen etc., welche doch äußerst selten vorkommeD. 2. Der zu über­fragende Stoff. Wir glauben nicht, daß es einen Arzt gibt, welcher den Seziertisch verlassen wird, ohne sich die Hände zu waschen. Daß man aber mit Wasser und Seife nicht den faulenden Stoff von der Hand abzuwaschen ver­möchte, das klingt etwas gar zu übertrieben. Das Chlor als Desinfektionsmittel scheint uns ein Arcanum zu sein, welches, ohne daß man weiß wie, einen hohen Ruf in der Medizin erlangt hat; wenn man aber fragt, wann und wo es seine außerordentliche Wirkung unwiderleglich gezeigt hat, so schweigen die Annalen der Medizin, und wir sind fest überzeugt, daß das Chlor mehr in das Eabrikswesen als in die Medizin gehört. 3. Dieser eingebrachte Stoff muß eine lokale Ent­zündung, von da dann durch Eiterbildung in den Lymphgefäßen und Venen Pyämie erzeugen. Nie haben wir bei einer Sektion einen solchen Prozeß im Bereiche derjenigen Teile der Genitalien gesehen, welche vor der Geburt mit dem Finger erreichbar sind. Übrigens ist gewiß gar kein Teil des menschlichen Organismus gegen eine solche Infektion so geschützt, wie eben die weiblichen Geschlechtsteile vor der Entbindung durch die über­reiche Schleimsekretion, durch den Abfluß des Fruchtwassers, das während und nach der Geburt herausströmende Blut, durch das langsam heraus­gedrängte Kind selbst, sowie durch die durchgepreßte Nachgeburt. Ebenso ist nach der Geburt die Tätigkeit der Organe eine, wenn ich mich so aus- drücken darf, zentrifugale, die fortwährenden Kontraktionen des Uterus und der Scheide pressen noch die Überreste der Placenta, die vielleicht gebildeten Blutcoagula heraus, es tritt endlich die Lochiensekretion ein, Dinge, welche der von Skoda und Semmelweis supponierten Infektion entgegen treten. Endlich müssen wir gestehen, daß es uns befremdet hat, Puerperalfieber von Skoda mit der Pyämie für dieselbe Krankheit erklärt zu finden.

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