Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

34 Wenige Monate später versank Michaelis, wie einer seiner Schüler später Semmelweis in Wien erzählte,*) in tiefe Melancholie. Er konnte sich von dem Gedanken nicht mehr losreißen, den Tod so mancher Gebärenden, vor allem seiner Cousine, wenn auch unbewußt, herbeigeführt zu haben. Eines Tages ließ sich der unglückliche Mann bei Hamburg von einem Eisenbahnzuge zermalmen. Im Herbst 1848 übernahm Professor Litzmann seine Klinik in Kiel.**) Professor Lewy in Kopenhagen, dem Michaelis eine Abschrift des Schwarz’schen Briefes zugesendet hatte, veröffentlichte denselben sofort in dänischer Übersetzung in den „Hospitals-Mitteilungen”, I. Bd. 1848, p. 204 bis 211 und fügte folgende kritische Betrachtungen***) hinzu: „I. Bei aller Achtung und Anerkennung des verdienstlichen Strebens, das sich in den Untersuchungen des Dr. Semmelweis kundgibt, glaube ich die durch dieselben in mir hervorgerufenen Betrachtungen und Zweifel um so weniger zurückhalten zu dürfen, als ich mich durch den mir zugestellten Brief zur Mitteilung desselben aufgefordert fühle. Vor allem mag es zu bedauern sein, daß weder die Beobachtungen selbst, noch die darauf gegründete Ansicht mit der Klarheit und Präzision hervortreten, die in einer so wichtigen ätiologischen Angelegenheit zu wünschen wäre. Denn ungeachtet es sowohl aus den apriorischen Voraussetzungen als aus den angeführten Tatsachen selbst hervorzugehen scheint, daß die präsu- mierte Leicheninfektion, der Annahme nach, stattfinden kann und stattgefunden haf, ohne Berücksichtigung, ob der Infektionsstoff aus Puerperal- oder anderen Leichen herrühre, so würde doch eine strenge Untersuchung absolut fordern, daß diese Verschiedenheit der Infektionsquellen nicht allein beachtet, sondern auch einer Sonderung der angestellten Beobachtungen zugrunde gelegt wäre. In wissenschaftlicher Beziehung und namentlich für die Kontagiositätsfrage des Puerperalfiebers müßte es nämlich von großer Bedeutung sein, zu wissen, ob die präsumierte Leicheninfektion nur kada- verösen Puerperalstoffen oder allen kadaverösen Effluvien überhaupt anzu­rechnen sei, und allenfalls, ob die durch Leicheninfektion hervorgerufenen Puerperalkrankheiten sich unter identischen oder verschiedenen Formen manifestierten, je nach der Verschiedenheit der kadaverösen Infektionsquelle. Es wird nämlich einleuchtend sein, daß, solange nur von Puerperalleichen die Bede ist, sich die Frage noch auf dem Gebiete, wenn auch an der äußersten Grenze, der Kontagiosität beschränkt, da es sich doch um das Produkt oder Besiduum einer bestimmten Krankheit handelt, das durch Überführung auf eine dazu besonders disponierte Person dieselbe Krankheit veranlassen kann, wogegen in den Fällen, wo der Infektionsstoff von allen anderen Leichen herrühren mag, jeder Gedanke an ein spezifisches Kontagium aufgegeben wei’den muß und statt dessen die Infektion der Blutmasse, tails eine solche stattfindet, mit der von vielen Experimentatoren an Tieren durch direkte Einführung putrider animalischer Stoffe in den Organismus hervor­gerufenen Blutinfektion zusammengestellt werden muß. Daß hierdurch ein *) Ätiologie, p. 288. **) Ätiologie, p. 289. "**) Ätiologie, p. 293.

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