Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
32 ich vermute, ein schlecht gereinigter Katheter gebraucht wurde, und der isoliert blieb. Nach dem schlimmen Anfang aber im November erwartete ich die bösartigste Epidemie. Übrigens beschränkt sich meine Erfahrung auf etwa 30 Eälle, da wir nur wenig Schwangere aufnehmen. Ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung deshalb vom ganzen Herzen; sie hat vielleicht schon unsere Anstalt vom Untergänge gerettet; und ein neues Hospital zu erwerben in diesen Zeiten, wäre vielleicht unmöglich gewesen. Ich bitte Sie, mich dem Dr. Semmelweis zu empfehlen und auch in diesem Sinne zu danken, er hat vielleicht einen großen Eund getan. Sie wissen, daß das Puerperalfieber bei uns eigentlich erst seit 1834 eingezogen ist. Dies ist aber auch ungefähr die Zeit, seitdem ich mich des Unterrichtes tätiger angenommen habe, und namentlich das Touchieren der Kandidaten regelmäßiger eingeführt ist. Auch diese Sache läßt sich also in Zusammenhang bringen. Kiel, am 18. März 1848.” Michaelis hatte also, wie aus seinen ziemlich wirren Mitteilungen zu entnehmen ist, sofort nach Erhalt von Dr. Schwarz’ Brief die Chlorwaschungen begonnen, worauf im Jänner 1848 nur 2 Wöchnerinnen leicht erkrankten und eine im Februar starb, im März jedoch alle gesund blieben. So aufrichtig er auch Semmelweis’ Verdienst anerkannte, er konnte doch nicht die Bemerkung unterdrücken, daß er seit dem Sommer 1847, seit dem Tode seiner Cousine, überzeugt war von der Übertragung des Leichengiftes auf Gebärende. Warum hatte er dann nicht daraus die Konsequenzen gezogen? Er schmeichelte sich, die Sache selbst erkannt zu haben, und bedachte nicht, daß er sich damit nur bloßstellte. Die Wahrheit aber war, daß ihm der Gedanke der Gefährlichkeit des Leichengiftes einmal gekommen sein mochte, derselbe sich jedoch niemals zur Überzeugung verdichtete. Im April 1848 brachte Michaelis in der „Neuen Zeitschrift für Geburtskunde”, Bd. 27, Heft 3, pag. 392, eine Übersetzung des Berichtes, welchen der Kopenhagener Professor Dr. Levy über die Gebärhäuser und den praktischen Unterricht in der Geburtshilfe in London und Dublin in der „Bibliothek for Laeger” veröffentlichte, und schrieb dazu folgende Vorrede:*) „Bei einer Reise, die ich vor kurzem vollendete, hatte ich Gelegenheit, mich von der Treue der Darstellung des vorliegenden Berichtes zu überzeugen; eine Überzeugung, die auch jedem Leser schon aus dem Pleiße und der Gründlichkeit der Darstellung sich aufdrängen muß. Der Hauptgesichtspunkt bei der Untersuchung des 'S erfassers war die Erforschung der Verhältnisse, unter welchen das Puerperalfieber erscheint, und die Angabe der Mittel, welche man zu dessen Besiegung glücklich angewendet hat. Die englischen Anstalten bieten in diesem Punkte vor allen die wichtigsten Resultate dar, denn sie sind meistens von dieser Pest der Gebärhäuser zeitweise arg heimgesucht worden, haben es aber in den letzten Dezennien durch Gesundheitsmaßregeln glücklich dahingebracht, daß die Sterblichkeit der Wöchnerinnen in allen Londoner und Dubliner Anstalten nur l°/0 eben übersteigt. *) Ätiologie, p. 153.