Bókay, J. von dr.: Die Lehre von der Intubation

I. Teil. Die O'Dwyersche Intubation und deren Ausübung bei der diphterischen Larynx-Stenose

Zeitpunkt des operativen Eingriffs. 25 radezu verwerflich muß ich den Standpunkt Louis Fischers (N.Y.) be­trachten, „ich mache es mir zur Regel — wenn ich sicher den Nachweis liefern kann, daß es sich um eine Diphtherie handelt und ich das Vorhandensein des Klebs-Löffler Bacillus konstatiert habe — die Intubation sofort vorzunehmen, wenn sich die ge­ringste Stenose zeigt1)“, weil die Intubation, wenn auch durchaus kein so schwerer Eingriff wie die Tracheotomie, von unangenehmen, hier und da sogar folgeschweren Nebenerscheinungen nicht ganz frei ist, ihre Berechtigung somit nach meiner Meinung nur dort vorhanden ist, wo ohne operativen Eingriff fast gar keine Aussicht auf Heilung besteht* 2). Inwieweit das von Bayeux (1897) am Moskauer internationalen Kon­greß geschilderte „Signe du sterno-mastoidien“ beim Croup zur Fest­stellung des Zeitpunktes für den Eingriff zu verwerten ist, ist literarisch auch heute noch nicht geklärt; meine eigenen Erfahrungen scheinen dies­bezüglich Bayeux’ Anschauungen recht zu geben. Während Marfan3) dem Bayeux sehen Symptom einen gewissen Wert beimißt, äußert sich Trumpp4) in dieser Hinsicht wie folgt: „Das von B. so betonte ,Signe sterno- mastoidieiP. . . . kann den Anspruch auf ein wichtiges diagno­stisches Hilfsmittel nicht erheben, da es nur eine Teilerschei­nung in der Aktion der gesamten Atmungshilfsmuskulatur darstellt.“ Die genaue Beschreibung des „Signe sterno-mastoidien“ finden wir ausführlich in der im Jahre 1899 erschienen Arbeit5) Bayeux’’; im Auszuge stellt sich dasselbe folgendermaßen dar: Nach der Erfahrung von Bayeux gibt die unter allen Atmungshilfs­muskeln zuletzt in Aktion tretende Sternomastoidealkontraktur eine sichere Indikation für den Moment des operativen Eingriffs ab. B. nennt die Erscheinung „Sterno-mastoideal“-Zeichen und versteht darunter die aktive, mit den rhythmischen Atmungsbewegungen synchrone Kon­traktur des Muskels, die eine Zeitlang zu beobachten ist und während der Exspiration schwindet. Die geschilderte aktive Kontraktur der Sterno- mastoidealmuskeln ist von jener passiven zu unterscheiden, die bei Stenosen der oberen Luftwege aufzutreten pflegt und zufolge des atmosphärischen Druckes auf die um die Muskulatur liegenden Weichteile entsteht, doch nicht jene ernste prognostische Bedeutung verdient, wie die aktive Kon­traktur. Die durch den atmosphärischen Druck verursachten Einziehungen imponieren w'ohl ähnlich als Anschwellungen der Muskulatur, doch stellt sich beim Abtasten leicht heraus, daß die Muskeln selbst erschlafft und nicht in Aktion getreten sind. Eine wichtige Eigenschaft des fraglichen Symptomes ist in der mit den Atmungsbewegungen gleichzeitigen Er­x) Ebenda S. 105 (Brief Fischers an Trumpp). 2) Die obige Kritik bezüglich der Indikationsstellung L. Fischers übte ich schon in meinem referierenden Vortrage in Hamburg (1900). Fischer reflektierte in einem seiner Berichte (1903) darauf, nachdem er jedoch zur Rechtfertigung seines Stand­punktes kein anderes Argument vorbrachte als jenes, daß er die von ihm aufgestellte Indikation für die Fälle der Privatpraxis versteht und zu beziehen wünscht, so kann ich nicht umhin, meine Meinung darüber unverändert zu bewahren. 3) L. c. Seite 357. 4) L. c. Seite 50. 5) La Diphtherie, depuis Arétée le Cappadocien etc. Tubage du larynx. Paris 1899.

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