Inventare Teil 5. Band 7. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1938)

Belgien, von Oskar Schmid

112 Belgien. als daß daran hätte gedacht werden können. Es mußte vielmehr im Jahre 1805 abermals eine Flüchtung der belgischen Archivalien, in der Haupt­sache waren es Akten des Repertoriums P und Brabanter Urkunden, vor­genommen werden. Diesmal bewegte sich die Flucht zu Wasser von Wien nach Ofen, und während die Akten der Staatskanzlei bis Temesvár ver­frachtet wurden, verblieb das aus ungefähr 20 Kisten bestehende nieder­ländische Archiv beim Kaufmann Macher in Pest in Verwahrung. Im Laufe des Monates April 1806 gelangten sie, abermals auf dem Donauwege, wie­der nach Wien zurück. Noch im gleichen Jahre wurde die Frage der Zusammenziehung und Vereinfachung verschiedener Archivkörper aufgerollt; so sollte das loth­ringische Archiv mit den niederländischen Akten vereinigt, zur weiteren Vereinfachung aber auch eine Ausmerzung der unbrauchbaren Papiere vor­genommen werden. Die Hauptmasse der niederländischen Archive verblieb im Gebäude des niederländischen Departements in Verwahrung,1 wohin sie nach ihrer Flüchtung nach Pest wieder gebracht worden waren. Freiherr von Müller-Hornstein führte die Oberaufsicht, als ihr Verwahrer galt der Archivar Josef Franz von Leenherr. Gerade als eine im Jahre 1807 erfolgte Anregung, die Akten des nieder­ländischen Archivs des 16. Jahrhunderts, zumindest die Korrespondenz Karls V. und seiner beiden Statthalterinnen, dem StA. einzuverleiben, hätte zur Ausführung gelangen können, wurde dieser Plan durch die Ereignisse von 1809 umgestoßen, und die Akten, die nicht rechtzeitig aus Wien hatten geflüchtet werden können, waren schwerer als früher dem rücksichtlosen Zugriff der französischen Okkupationsarmee ausgesetzt. Die gleichen niederländischen Archivalien wie im Jahre 1805 — viel­leicht waren die Kisten noch gar nicht ausgepackt gewesen — wurden am 5. Mai 1809 zu Schiff nach Ungarn geführt.1 2 1 Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts galten die niederländischen Archive als selb­ständige Anstalten, die keineswegs zur Überstellung ihrer Materialien an das StA. ver­halten werden konnten. Die Beziehungen wurden zunächst durch die da und dort in Verwahrung befindlichen habsburgischen Familienpapiere eröffnet. In einer Note M. I. Schmidts vom 18. Okt. 1780 (Reg. des StA., Z. 8/1780) heißt es: In den niederländischen Archiven sollen verschiedene für die Geschichte Karls V. interessante Aktenstücke vor­handen sein. Es wird daher an die Geheime Staatskanzlei ein dahingerichteter Antrag gestellt, die Akten mögen hierher entlehnt werden. Dem niederländischen Gubernium wäre mitzuteilen, daß die Akten, sobald sie nicht mehr benötigt würden, zurückgegeben werden sollen. — Diesmal so wie auch später war das familiengeschichtliche Interesse der Hauptantrieb zur Einbeziehung ins StA. 2 Vgl. die Beilage 6 des Berichtes des Archivars v. Leenherr vom 25. Nov. 1809 (StK. Archiv, Fasz. 1). Es handelte sich ungefähr um folgende Bestände: Das Archiv des Goldenen Vlieses mit kostbaren Siegeln und Siegelstempeln; Korrespondenz des Statt­halterpaares Herzog Albert von Sachsen-Teschen und Erzherzogin Marie Christine; Korre­spondenz der habsburgischen Herrscher seit Karl VI. mit den Statthaltern; Korrespondenz der Staatskanzlei mit den Bevollmächtigten Ministern; Finanzakten, Gastos secretos (ge­heime Ausgaben), Lotto; Verträge aus der letzten Zeit der österreichischen Niederlande; Aktendes Staats-und Kriegssekretariates; Akten aus demKabinett Karls VI.(III.) 1701—1713 und Familienurkunden. — Das Archiv des Ordens vom Goldenen Vlies war eigentlich schon vorher in Ausführung eines kaiserlichen Befehles (Handbillett vom 20. Febr. 1808) dem Ordenskanzler, Staats- und Konferenzrat Anton Pfleger von Wertenau überantwortet worden.

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