Inventare Teil 5. Band 6. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1938)
Die Handschriftenabteilung von Fritz Antonius
I. Geschichte der Sammlung. 155 Ehe wir uns mit dessen Arbeit näher beschäftigen, wollen wir jedoch noch einen Blick werfen auf die Veränderungen, die — abgesehen von der Neuorganisation — seit dem großen Archivbericht Reinharts von 1840 in dem Handschriftenbestand des Archivs vorgegangen waren. Den wichtigsten Zuwachs wie an Urkunden so auch an Handschriften brachte in dieser Zeit die einst von Hormayr begonnene und von Chmel in den Dreißigerjahren wieder aufgenommene Aktion zur Einziehung der ehemaligen Klosterarchive. Schon 1836 waren aus der Niederösterr. Cameral-Gefällen-Administration 71 Päcke Urkunden aufgehobener Klöster übernommen worden, in denen, ohne daß wir ein ausdrückliches Zeugnis dafür hätten, sich offenbar auch Handschriften befunden haben müssen.1 Denn die späteren Übernahmsverzeichnisse weisen eine viel kleinere Zahl von Manuskripten aus, als sich heute tatsächlich in der Sammlung befinden. 1844 erfolgte die nächste Übernahme: Klosterrats-Archivalien von der Niederösterr. Landesregierung,1 2 deren Verzeichnis allerdings nur vier Manuskripte enthält.3 Dafür kamen dann zwei Jahre später wieder von der Cameral-Gefällen-Administration rund 50 aus verschiedenen Klosterarchiven, insbesondere aus Gaming und dem Erlakloster, stammende Bände in die Verwahrung des StA.,4 denen endlich im Jahre 1850 von derselben Amtsstelle noch mehr als die doppelte Anzahl folgte. Allerdings kam die überwiegende Mehrzahl dieser Bände nicht unmittelbar in die Handschriftensammlung, sondern wurde ihr erst im Zuge der Böhmschen Ordnungsarbeiten, ja viele noch wesentlich später angegliedert. Auch von anderen Seiten kamen noch Klosterhandschriften herein. So waren schon im Jahre 1844 Jesuitica aus der Hofbibliothek an das StA. abgegeben worden, aus denen dann allerdings erst sehr viel später — in den Achtzigerjahren — einzelne handschriftliche Bände (Plettriach) in die Sammlung gelangten. Ebenfalls im Jahre 1844 waren bei der obder- ennsischen Landesregierung in Linz die dort verwahrten Archivalien des Klosters M o n d s e e angefordert worden, darunter der berühmte Codex traditionum. Die Auslieferung dieser Stücke wurde zwar zugesichert, der Codex aber vorläufig zur Abschriftnahme in Linz zurückbehalten, bis er endlich im Jahre 1853 nach Wien kam.5 Von der Staatsherrschaft S t. P ö 1- t e n waren bereits 1848 fünf Codices des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstiftes eingeliefert worden, denen 1862 weitere neun Bände, die sich auf dem dortigen Dachboden gefunden hatten, nachfolgten.6 Auch aus Millstatt brachte Chmel, der im Sommer 1858 das dortige Archiv untersucht hatte, sieben Bände gebundener Akten mit,7 und das Finanzministerium übermittelte 1861 vier Codices des Benediktinerstiftes Mehrerau in Vorarlberg, von denen die Direktion jedoch nur einen zur Aufbewahrung im StA. übernahm; die übrigen wurden dem Vorarlbergischen Landes1 Vgl. unten die Ausführungen Latzkes. 2 Heute Rep. V, AB. 357. Vgl. die Ausführungen Latzkes unten. 3 Laut Randnote im Rep. V (AB. 357) erst im Dezember 1880 unter die Handschriften eingereiht. 4 Vgl. unten Latzke. 5 Vgl. unten die Ausführungen Latzkes. 0 Ebenda. 7 Ebenda.