Inventare Teil 5. Band 4. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1936)

Staatskanzlei (Ministerium des Äussern) von Josef Karl Mayr

404 Staatskanzlei (Ministerium des Äußern). deren Inhalt die österreichischen Rückübernahmskommissäre im Jahre 1814 „in der schönsten Ordnung“, nach Materien eingeteilt und mit ge­nauen Repertorien und Elenchen versehen, auffanden.1 Napoleon hatte nämlich den Plan gefaßt, alle ihm erreichbaren europäischen Archive in Paris zu einem Zentralarchive von ungeheuren Ausmaßen zu vereinigen, das in einem gewaltigen, in Stein und Eisen aufgeführten Archivgebäude untergebracht und damit der wissenschaftlichen Welt an einem einzigen, ohne weitere Studienreisen zugänglichen Punkt erschlossen werden sollte.1 2 Noch im November 1811 war die Verwirrung, die in den Staatskanzlei­registraturen in Wien herrschte, unbehoben. Im August 1813 stand eine neuerliche Flüchtung bevor, die jedoch unterblieben ist.3 Ein amtliches Auslieferungsverzeichnis von 1809 hat sich nicht er­halten. Das hing wohl mit den außergewöhnlichen Umständen zusammen, unter denen sie erfolgt ist. Vorhanden sind lediglich fragmentarische Ver­zeichnisse, die sich im Jänner 1810 im Nachlasse eines von den Franzosen zur Inventarisierung der Beute verwendeten Beamten der Wiener Stadt­hauptmannschaft vorgefunden haben.4 Mehr kann den Rücklieferungsver­zeichnissen von 1815 entnommen werden. Während der Pariser Episode sind zahlreiche Staatskanzleiakten in Reichshofkanzleiakten eingeteilt worden, so in die Kriegsakten, den Reichskrieg gegen Frankreich, die Friedensakten, die Geistlichen Wahlakten, die Wahl- und Krönungsakten, die Reichskammergerichtsvisitationsakten, die Schwäbischen Kreisakten, vielleicht auch schon in die Nationalia. Inzwischen war in Wien auf Metter­nichs Geheiß mit der Ordnung der Restbestände und einer Neuorganisation der administrativen Registraturen durch Franz Freiherrn von Lebzeltern und Johann Hypschle begonnen worden. Drei Jahre später sind diese mühevollen Arbeiten durch das Zurückströmen der 1809 entfremdeten Archivalien alsbald wieder erstickt worden. In drei Transporten sind die Staatskanzleiarchivalien vom November 1814 bis zum Frühjahr 1816 in etwa 250 Kisten von Paris nach Wien zurückgebracht worden.5 Damit war in den Staatskanzleiregistraturen wie mit einem Schlag die Leere von früher einer kaum zu bewältigenden Fülle gewichen. Der Vormärz6 scheint für die ältere administrative Registratur, die alte Registratur, wie man sie kurz nannte, einen nur selten unterbrochenen Dornröschenschlaf bedeutet zu haben. Man kennt nur ein einziges, um 1830 von Josef Obermayer angelegtes Bestandverzeichnis (AB. 166), das mit gewissen, dortselbst vorgenommenen Ordnungsarbeiten in Zusammen­hang steht. Es war wohl lediglich Raummangel, der 1829 zur ersten Über­tragung eines größeren, vielfach unzusammenhängenden Bestandes an das 1 Konferenzakten a 1324/1814. 5 Vgl. O. H. Brandt, Metternichs Denkwürdigkeiten 1, 193ff. 3 Wien wird im Kriegsfälle, so schrieb Gentz am 22. Juli 1813 aus Prag an Pilat, in ziemlich naher Gefahr sein (K. Mendelssohn-Bartholdi, Briefe Gentzens an Pilat 1, 46). 4 StK., Vorträge 271 (26. Jan. 1810). 5 Vgl. H. Schiitter, Die Zurückstellung der von den Franzosen 1809 aus Wien ent­führten Archive etc. (M. Ö. I. G. 22). 6 Vgl. hiezu J. K. Mayr 1. c. 74; AB. 167 (Zuwachs aus dem kaiserl. Kabinett von 1826).

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