Inventare Teil 5. Band 4. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1936)

Reichsarchive von Lothar Gross

354 Reichsarchive. sandten, die bei den Reichskreisen und den geistlichen Fürsten tätig waren. Dabei handelt es sich nicht um die offiziellen Berichte und Weisungen, sondern um die Korrespondenz, welche die Gesandten mit Staatsmännern und Beamten an ihrem Dienstort und anderen Personen führten sowie um die halbamtlichen Schreiben an Personen am kaiserlichen Hofe. Für diese Art von Korrespondenzen war die Bezeichnung Ministerialkorrespondenz offenbar in der Kanzleisprache des 18. Jahrhunderts gebräuchlich, da dieser Ausdruck in einem Verzeichnis der 1807 in Regensburg vernichteten Akten des Gesandtschaftsarchivs am kurmainzischen Hofe vorkommt1 wie auch im Verzeichnis der aus Paris zurückgebrachten Akten. Das in der Mini­sterialkorrespondenz enthaltene Material ergänzt somit die gesandtschaft- lichen Akten, die in den zwei Abteilungen der Berichte aus dem Reich (Reichskanzlei und Staatskanzlei), in den schwäbischen Kreisakten und in einzelnen Gesandtschaftsarchiven vorhanden sind. Nahezu drei Viertel des Bestandes nehmen die Papiere der Gesandten Johann Wenzel Freiherr von Widmann und J. A. Graf Pergen ein. Die Korrespondenzen des ersteren, beim schwäbischen und fränkischen Kreis und in München akkre­ditierten, die in Bände gebunden sind, erscheinen schon im Verzeichnis der aus Paris zurückgeschafften Archivalien (oben S. 281 f.). Ob sie bei der Wegführung der Archive 1809 in der Registratur der Staatskanzlei oder im Reichsarchiv lagen, läßt sich nicht entscheiden. Ein Teil der Bände dürfte bereits damals im StA. geblieben sein, die übrigen, 19 an der Zahl, erhielt das Archiv 1851 vom Ministerium des Äußern aus der alten Registratur der Staatskanzlei. Wann eine eigene Abteilung mit dem Namen Ministerialkorrespondenz geschaffen wurde, läßt sich nicht sicher sagen; 1840 wird sie noch nicht genannt, hingegen muß sie 1855 schon seit eini­gen Jahren bestanden haben. Sie war damals in der Filiale A untergebracht. Die zweite Hauptgruppe stammt aus dem Nachlaß des Grafen Johann Anton Per gen, der von 1753—1766 an den verschiedensten Höfen Süd- und Westdeutschlands, hauptsächlich an denen der geistlichen Kurfürsten, die kaiserliche Politik vertreten hatte; dieser Nachlaß wurde 1821 von der Staatskanzlei, an die er vom Minister Grafen Zichy abgeliefert worden war, dem StA. übergeben. Die heute in der Ministerialkorrespondenz auf- gestellten mehr als 160 Bände mit den verschiedensten Korrespondenzen bildeten mehr als drei Viertel des Pergensehen Nachlasses. Der Pergensche Nachlaß wurde zunächst im Hauptarchiv in der österreichischen Abteilung aufgestellt, 1853 gelangte dann der heute in der Ministerialkorrespondenz enthaltene Teil in die Filiale A und wurde wohl damals dieser Abteilung einverleibt. Ungefähr um dieselbe Zeit gelangten aus dem bei der Aus­lieferung von 1851 aus der alten Registratur der Staatskanzlei ins Archiv gekommenen Material weitere Korrespondenzen verschiedener gesandt- schaftlicher Archive, die im einzelnen nicht feststellbar sind, in die Ab­teilung, darunter der Gesandten Wucherer, Lehrbach, Sickingen und Hügel. Nähere Angaben über die damaligen Zuwächse bietet der AB. 168. In den 1 Anlage 6 zum Bericht Hügels vom 22. Juli 1807 in StK. Berichte aus dem Reich Fasz. 312.

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