J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien
deutung, die Metternich der Haltung Toskanas beimaß, daß er im Juli 1830 Lilien nach Florenz entsandte. So unsicher aber und so furchtsam schwankte der toskanische Hof unter dem Eindrücke der anmaßenden Sprache des französischen Gesandten hin und her, daß er sich weder zu irgendwelchen Repressalien noch zu dem erheblich reduzierten Verlangen nach Annahme geschlossener Postpakete (S. jo) verstehen wollte85). Mit derselben Unsicherheit hat Modena mit dem Transite römischer Stafettenposten auch jede engere, von Lilien nun neuerdings betriebene Bindung an das österreichisch-italienische Postsystem abgelehnt86). Mit unverhohlener Freude aber hat der päpstliche Generalpostdirektor Massimo, der intime Freund des französischen Gesandten und gleich diesem bereit, die Sache Frankreichs zu der aller italienischen Höfe zu machen, die Aufforderung zur Einstellung des Hüninger Postweges begrüßt, die Frankreich an die römischen Bank- und Handlungshäuser richtete87). Sogleich ließ er nun wieder unmittelbare Postverbindungen zwischen Rom und dem südlichsten sardinischen Postknotenpunkte Sarzana einrichten, bald in geschlossenen, den toskanischen Posten anvertrauten Paketen, bald durch außerordentliche Kabinettskuriere, bald in kleinen, an den Florentiner Nuntius adressierten, anscheinend Kaufmannswaren enthaltenden Kisten88). Und als ihm über Metternichs Drängen Toskana diese Fäden zerstörte, da spann sie Massimo aufs neue von Bologna die Via Emilia entlang durch Modena und Parma. Dreimal wöchentlich langten nun wieder große, an die sardinische Grenzstation Voghera adressierte Postpakete von Modena her in Parma an, und Baron Werklein, Maria Louisens neuer Staatssekretär, mußte erst durch Metternich, wenngleich mit der gebotenen, auch in Florenz geübten Zurückhaltung, dazu veranlaßt werden, Modena mit der Eröffnung dieser Postpakete zu drohen. Worauf Massimo seine mittel- und nordfranzösische Post unter Umgehung Parmas so lange auf Seitenwegen durch Modena nach Sarzana bringen ließ, bis ihm Herzog Franz IV. unter österreichischem Drucke auch diesen Ausweg verschloß89). Dieser Schaukelpolitik der italienischen Höfe, die, um nicht Metternichs Mißfallen einzeln auf sich zu lenken, sich gegenseitig die Schuld zuschrieben, hat die Pariser Julirevolution ein Ende bereitet. Damit schien der Postkonflikt mit Frankreich zugunsten Österreichs entschieden zu sein. Anfangs September 1830 stimmten Rom und Neapel der Wiederaufnahme der alten, über Hüningen laufenden Postverbindung mit Mittel- und Nordfrankreich zu90 *). Und wenige Wochen später hatte Metternich auch die Erklärungen Parmas, Modenas und Toskanas in Händen, worin sie sich nicht nur für den bisherigen, die Lombardei durchquerenden Posttransit über Hüningen aus- sprachen, sondern ihn auch in der Gegenrichtung in Anspruch nahmen. Das ist nun allerdings nicht ohne neuerliche französische Drohungen und nicht ohne allerlei Bedenklichkeiten, namentlich auf Seiten Modenas und Toskanas, abgegangen, die eine Kollektiverklärung vorgezogen hätten. Am Ende aber 85) Weisung nach Dresden 30 VIII 7, Bericht 30 VIII 12 Sachsen 72/73. 8e) Promemoria Liliens 30 I 14 Modena, adm. Reg. Postwesen. 87) Bericht aus Rom 30 IV 10, Weisung nach Rom 30 VII 10 Rom 18. 88) Berichte aus Rom 30 VII 10, 31 Rom 37. 8tl) Werklein an Mett. 30 VIII 14 Parma, adm. Reg. Postwesen; Bericht aus Rom 30 VIII 28 Rom 37. eo) Bericht aus Rom 30 IX 4 Rom 37; Bericht aus Neapel 30 IX 10 Neapel 77. 93