J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)

II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien

Marken und Toskana die des übrigen Italien zur Überwachung zudachte3). Auf ein so schlüpfriges Feld aber, wie es das des Geheimen Dienstes war, wollte sich Metternich, so sehr dieser auch sonst sein auswärtiges Postsystem bestimmt hat, in offener Verhandlung doch nicht begeben, am wenigsten mit Sardinien, das ihm schon zu wiederholten Malen Ursache zum Mißtrauen gegeben hatte. Wieder bezeichnete er — wie stets in solchen Fällen — das Postwesen als ein administratives Ressort zweiten Ranges und verpflichtete sich lediglich dazu, Sardagna anzuweisen, alle politischen Motive beiseite zu lassen4). Nun hatten sich aber Sardagna und Cerruti unterdessen dahin geeinigt, die fremditalienische Südfrankreichkorrespondenz gleich der lombardo- venezianischen über Mailand nach Turin laufen zu lassen5 6). Das waren Gedankengänge, wie sie kurz vorher Latour Metternich unmittelbar ent­wickelt hatte. Einen solchen Umweg hielt aber dieser für viel zu auffallend, als daß er sich hätte durchführen lassen. Metternich lehnte ihn ab und Sar­dagna mußte den Postvertrag auf der Grundlage abschließen, daß Sardinien jene italienisch-französischen Korrespondenzen überlassen wurden, die von ihm rascher als von Österreich befördert werden konnten, während sich dieses alle jene italienisch-französischen Briefschaften zur Beförderung vor­behielt, die zum mindesten ebenso schnell über die eigenen Postlinien liefen“). Damit ging der Briefverkehr zwischen Italien und Süd­frankreich auf Sardinien, zwischen Italien und Mittel- und Nordfrankreich auf Österreich über. Diese Aufteilung der westeuropäischen Auslandpost Italiens rückte die Hüninger Linie — jenen Postweg, der von Mailand quer durch die Schweiz nach Hüningen lief — in den Mittelpunkt der postpolitischen Interessen des Kaiserstaates. Schon ging ja die nordfranzösische Italienpost über die Hünin­ger Linie nach Mailand. Und wenn auch diese durch den neuen französischen Postvertrag (S. 74) auf die Beförderung der ostfranzösischen Italienpost be­schränkt wurde — die nord-, mittel- und südfranzösische lief ja quer durch Sardinien —, so hatte doch Österreich für die fremditalienische, nach Mittel­und Nordfrankreich laufende Gegenpost in der Hüninger Linie einen Kor­respondenzweg in Händen, auf dem es sich erfolgreich mit Sardinien messen konnte. Damit setzte sich der Wettkampf um die französische Italienkorrespon­denz in einen Wettlauf der österreichischen und sardinischen Postverbindun­gen zwischen Fremditalien und Frankreich um, der schon 1818 in Gang ge­kommen war und bis in die Dreißigerjahre hinein gedauert hat. Damals war Sardinien mit seinen dreimaligen Wochenschnellposten den zweimaligen österreichischen Wochenpostkursen noch weit überlegen. Aber schon 1822 ist Österreich darangegangen, die zwei- bis dreitägige Verspätung, die die Post auf seiner Route erlitt, durch einen dritten Wochenpostkurs auszugleichen. Noch im September 1822 erhielt Peter den Auftrag, die Hüninger Linie auf die gewünschte Höchstleistung — Mailand—Paris in acht Tagen — zu brin­gen und auch die Brennerlinie in ähnlicher Weise auszugestalten. Am 31. Ok­3) Latour an Mett. 23 I 2j Sardinien, adm. Reg. 3 (Beil. z. Ber. aus Turin v. 25. 1.). 4) Mett, an Latour 23 II 7 Sardinien, adm. Reg. 3. 5) Bericht Sardagnas 23 II 1 Sardinien, adm. Reg. Postwesen. 6) Vertrag 23 III 25 L. Neumann 1.c. 4, 2j; Vortrag 23 X 30 Vorträge 347. 77

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