J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - C. Der Kampf um Italien
auch die Jahresgratifikation von 800 Dukaten, die der Wiener Hof dem toskanischen Ministerium seit 1832 insgeheim zukommen ließ. Das war nun freilich ein so bedenkliches Hilfsmittel, daß der Florentiner Legationssekretär Schnitzer, der dabei ohne Wissen seines Chefs die Verbindung mit dem toskanischen Ministerium unterhielt, alle Weisungen und Berichtskonzepte dieses Inhaltes ehestens wieder verbrennen mußte. Und ähnlich vorsichtig, ja zaghaft hat sich der toskanische Staatsminister Graf Fossombroni verhalten, der sich so sehr von Spionen umgeben glaubte, daß er sich weder einen Wechsel einzulösen noch irgendeine vertrauliche Mitteilung zu machen getraute44). Nur Pistoj, der unter französischem Einflüsse aus dem Staatssekretariate des Auswärtigen verdrängt worden war und nun als Generalpostdirektor auch den Geheimen Dienst leitete, hat sich ganz auf die Seite Österreichs gestellt. Um so peinlicher hat man es daher am Wiener Hofe empfunden, daß das toskanische Ministerium mit den österreichischen Gratifikationen den austrophoben Generalsekretär des Auswärtigen, Cassini, und andere Günstlinge bedachte, den Postlogisten aber und namentlich Pistoj nur magere Anteile zukommen ließ. Dennoch hat Schnitzer jede Intervention zu dessen Gunsten widerraten. Schon machte man sich in Toskana aus dem Mißtrauen gegenüber Österreich ein Verdienst, und wenn sich auch Pistoj noch immer des vollsten Vertrauens des Großherzogs erfreute, so hatten ihn doch schon, wie Schnitzer wußte, die Independisten aufs Korn genommen 45). Entsprechend der erhöhten Bedeutung, die seit dem Aufschwünge der französischen Postdampfschiffahrt dem toskanischen Seehafen Livorno zukam, ist 1838 auch in diesem Sammelpunkte der italienischen Revolutionäre eine Postloge errichtet worden46) (S. 16). Allein weder diese noch die Mutterloge Florenz hat Pistoj trotz aller Bemühungen auf jene Höhe der Leistungsfähigkeit bringen können, die man in Wien so sehnlich erhoffte. In Livorno hielt der französische Postagent die Postlogisten in Schach, jagte ihnen just die ertragreichsten französischen und englischen Briefschaften ab und störte auch sonst so sehr ihre Kreise, daß der Geheime Dienst, wie Metternich befürchtete, ganz in die Hände der Franzosen geraten mußte, der erklärten Feinde der Ruhe des Landes47). Auch ermangelten die Postlogen von Florenz und Livorno entsprechend geeigneter Diensträume und waren so sehr in der Zeit beengt, daß Pistoj und seinen Logisten nur noch die Nacht- und die frühen Morgenstunden zur Logenarbeit übrig blieben. Und was das Bedenklichste war und was alle Auszeichnung, die Metternich Pistoj im September 1838 in Florenz persönlich hatte angedeihen lassen, nicht verhindern konnte: die Adreßlisten der Polizei wurden zusehends dürftiger und die wichtigsten Interzepte verschwanden auf Cassinis Betreiben im Ministerium des Äußern48). Umsonst — so klagte Pistoj Schnitzer sein Leid — eröffne ich Tag für Tag Hunderte von Briefen und verliere darüber Gesundheit und Augenlicht, das Ergebnis ist gleich null und die Gratifikationen sind hinausgeworfenes Geld49). 44) Bericht aus Florenz 38 VIII 23 Toskana 43. “) Berichte aus Florenz 39 III 26, V 21 Toskana 44 und adm. Reg. Postwesen. t6) Weisung nach Florenz 38 I 19 Toskana 43. 47) Bemerkungen Mett.s 38 VIII 13 Toskana 43. 46) Berichte aus Florenz 39 IV 16, VI 11 Toskana 44. 49) Bericht aus Florenz 38 VI 12 (Anm. 34). 104