Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)

VI. Biographische Daten und Betätigung der einzelnen Beamten - 2. Sekretäre der deutschen Expedition

Nur wenige Monate nach Obernburger trat Wolf Unverzagt in die Reichskanzlei ein, um die von Lindegg bekleidete Sekretärstelle zu übernehmen. Seine Bestellung erfolgte am 28. Mai 1567 137). Unverzagt war ein Wiener, bei der niederösterreichischen Regierung begann er, der der Sohn eines armen Trompetenbläsers war138), als Schreiber seine Beamtenlaufbahn. Schon 1565 hatte ihn Dr. Bernhard Walter, Regiments­kanzler in Wien und später in Graz, Erzherzog Karl als Gehilfen für die Sekretäre in der Grazer Hofkanzlei vorgeschlagen, da er schon in Wien „neben den Sekretären“ verwendet wurde139). Damals scheint es aber nicht zu seiner Anstellung gekommen zu sein. Gleich seinen Vorgängern Kobenzl und Lindegg fungierte Unverzagt als Sekretär für die öster­reichische Abteilung der Reichskanzlei und als Hofsekretär in engerem Sinne. Schon im Sommer 1567 unterzeichnet er die Briefe Maximilians an dessen Bruder Ferdinand140). 1568 finden wir ihn schon als Sekretär im geheimen Rat141) und wie in den nächsten Jahren als Konzipienten der ver­schiedenen Hof- und Landessachen. So bearbeitet er die ganzen Akten, die sich mit der Vermählung der Erzherzogin Elisabeth mit Karl IX. befassen142). Ebenso verfaßt und unterzeichnet er die an die oberöster­reichischen Stände gerichteten kaiserlichen Schreiben 14S), wie er etwa ein Schreiben des Kaisers an den Herzog von Teschen in Sachen der polnischen Krönung entwirft 144) und wieder ein anderes Mal einen Brief des Kaisers an Erzherzog Karl wegen des Verkaufs innerösterreichischer Güter unter­zeichnet 145). In den ersten Jahren half er auch im Reichshofrat aus146). Beim Tode Maximilians und in der unmittelbar folgenden Zeit konzipierte er die allermeisten der durch dieses Ereignis veranlaßten Schriftstücke. Er besorgte die Expeditionen an die Regierungen, die Kriegsräte in Ungarn und nach Böhmen 147), auch die österreichischen Lehen behandelte er 148). Mit Maximilians Tod und Rudolfs Übersiedlung nach Prag hörte Unver- zagts Stellung als Kabinettssekretär, wenn man so sagen darf, zwar auf 149), um so größer ward jedoch sein Einfluß bei den in den folgenden Jahrzehnten in Wien regierenden Erzherzogen. Von 1580 bis 1583 erscheint er in den Taxbüchern als österreichischer Hofsekretär verzeichnet, 1581 wird er in einem offiziellen Schreiben röm. kaiserl. Mt. Rat und geh. Sekretär der 137) Hofstaatsverzeichnis v. 1576 b. Fellner-Kretschmayr I/2, 194. 13S) Vgl. S t i e v e, Briefe u. Akten 5, 732, Anm. 7. 139) Vgl. T h i e 1 a. a. O. Reg. Nr. 21. l4°) Vgl. B i b 1 a. a. O. 2, 217, 220, 225. U1) R. H. R. Resol. Prot. 26 \ U2) Famii. A. 19. — Für 1568 vgl. audi Fam. A. 20, für 1570/71 auch Fam. A. 18. Für die von Unverzagt verfaßten Konzepte in Religionssachen aus 1568 ff. vgl. Nieder- österr. 8 a. 143) Oböst. 2: 1575 Sept. 3 u. 1576 März 26. 144) Polonica 83 a: 1574 Jan. 30. 145) Famii. A. 21: 1576 Apr. 6. 148) So berichtet Erstenberger, vgl. R. H. R. Resol. Prot. Nr. 32 zu 1570 Dez. 12. 147) Vgl. Famii. A. 32 u. R. H. R. Resol. Prot. Nr. 42 b, fol. 75. 148) Obernburger bemerkt R. H. R. Prot. Nr. 47, fol. 1 (1577 Aug. 19) zu einer Eingabe des Propsts von Ranshofen: „Ist österreichisch lehen und derwegen dem herrn Unverzagt zugestellt worden.“ 149) Sehr charakteristisch dafür ein undatiertes Schreiben Unverz. an Obernbger. (Niederöst. 8 •>), in dem er auf Grund einer Audienz des Nuntius beim Kaiser einen Auftrag des Kaisers übermittelt. 372

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