Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)

VI. Biographische Daten und Betätigung der einzelnen Beamten - 1. Die Reichsvizekanzler

Colloredo auch den Reichsfürstenstand 382). Unter Franz I. spielte Colloredo, der seit September 1743 als Konferenzminister galt 383), eine ziemliche Rolle in der Konferenz. Wiederholt, so im Frühjahr 1752 und 1755, vertrat er den Grafen Ulefeld längere Zeit im Präsidium der Konferenz 384). Unter Josef II. verlor der Reichsvizekanzler bald sehr an Boden. Der Kaiser scheint ihm nicht sehr günstig gesinnt gewesen zu sein. Colloredo selbst beklagt sich gelegentlich über seine Einflußlosigkeit bei Josef II. Seine Stellung gestaltete sich besonders schwierig, als der Kaiser verschiedene Reformen in der Reichskanzlei durchführen wollte 385 *). Nicht allein wurde er persönlich durch das von Josef II. erlassene Verbot, Geschenke anzu­nehmen, schwer in seinen Einkünften getroffen, sondern auch der Konflikt zwischen dem Erzkanzler und dem Kaiser, der infolge dieser Reformen entstand, brachte ihn in eine schwierige Stellung, zumal der Erzkanzler wiederholt von ihm energisches Auftreten verlangte. Was Colloredos Tätigkeit in der Kanzlei und bei der Abfassung ihrer Schriftstücke betrifft, so konnte ich Konzepte von seiner Hand nur in wenigen Fällen feststellen. Etwas häufiger kommen eigenhändige Berichte an den Erzkanzler vor. Bei einzelnen Konzepten läßt sich Revision durch ihn aus dem Approbations­vermerk, den er stets in der Form „expediatur“ gibt, erweisen 38e). Collo­redo war durch mehr als vier Jahrzehnte Vizekanzler. Er starb am 1. No­vember 1788, nachdem wenige Tage vorher wegen seiner schweren Er­krankung der Vizepräsident des Reichshofrats Christoph Graf Überacker mit seiner Vertretung betraut worden war 387). Als Nachfolger wurde vom Erzkanzler dem Kaiser am 24. Dezember 1788 der Sohn des Verstorbenen, Franz Gundacker Fürst Colloredo, präsentiert, der am 6. Januar 1789 beeidigt wurde 388). Die Besetzung voll­zog sich im vollen Einvernehmen mit dem Kaiser. Der Erzkanzler hatte Franz Colloredo schon seit längerer Zeit für den Posten des Reichsvize­kanzlers in Aussicht genommen, da der alte Fürst mehrfach schwer krank gewesen war 389). Auch über Franz Gundacker Colloredo enthält die all­gemeine deutsche Biographie eine Skizze aus der Feder Felgels 39°), so daß wir uns über ihn hier kurz fassen können. Seine Stellung als Reichsvize­kanzler in den letzten Jahren des sterbenden Reiches bedürfte wohl noch näherer Untersuchung. Seine Zeitgenossen hatten keine hohe Meinung von seinen Fähigkeiten 391). S r b i k hat neuerdings auf seinen engen geistigen Horizont und seine Schwerfälligkeit, die ganz am Alten haftete und den neuen herandrängenden Problemen in keiner Weise gewachsen war, hin­382) R. Reg. Franz I. Bd. 14, fol. 317. 383) Khevenhüller 1743/44, 176. 384) Khevenhüller 1752/55, 37 u. 229. 386) Vgl. hierüber oben S. 86 ff. 386) Vgl. z. B. Instr. 2: 1748 Aug. 20 für Chotek u. Instr. 5: 1768 Aug. 3 für Hartig. 387) R. K. Verf. A. 2. 385) R. K. Verf. A. 2. 39°) Vgl. Mzer. R. K. 5. 30°) 4, 413 f. 3M) Vgl. die von S r b i k, Das Österreich. Kaisertum u. das Ende des hl. Rom. Reichs, Arch. f. Pol. u. Gesch. 1927, 150 zitierte Äußerung des russischen Gesandten Razoumowski. 23* 355

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