Lothar Groß: Inventare Teil 5. Band 1. Die Geschichte der deutschen Reichshofkanzlei von 1559-1806 (1933)

II. Die Beamtenschaft, ihre Pflichten und Rechte - 10. Herkunft, Vorbildung und Qualifikation

deren Ländern des Deutschen Reiches, einer (Coraduz) nannte Italien seine Heimat. Zehn Vizekanzler waren aus den schwäbischen und bayrischen Ländern, besonders aus Schwaben, dem fast alle die bürgerlichen Vize­kanzler des 16. Jahrhunderts entstammten. Die enge Verbindung, die damals zwischen dem kaiserlichen Haus und den Wittelsbachern bestand, ließ deren Hof durch längere Zeit geradezu als Rekrutierungsstätte der führenden Beamtenschaft der Reichskanzlei erscheinen. Mehrere unter den Vizekanzlern jener Zeit sind direkt aus bayrischen in kaiserliche Dienste übergetreten 97). Mit Leopold Stralendorff, der aus dem Dienst des Mainzer Kurfürsten kam, und seinem Sohne Peter Heinrich erscheint der einzige norddeutsche Name in der Reihe der Vizekanzler. Walderdorff und Schön­born vertreten die Rheinlande, während Metsch Mitteldeutschland zu­gezählt werden kann. Nicht so gut sind wir über die Herkunft der Sekretäre unterrichtet. Von 80 geheimen und Reichshofratssekretären können wir 19 den öster­reichischen Erbländern, 49 dem Reich im engeren Sinne, einschließlich Schle­siens, zuweisen, während die Heimat von 12 allerdings unsicher bleibt. Bei den Sekretären läßt sich deutlich eine Entwicklung verfolgen, die als eine Abwendung von den österreichischen Ländern bezeichnet werden kann und zweifellos mit dem wachsenden Einfluß des Erzkanzlers auf die Be­setzung der Stellen und dem sinkenden Interesse des Kaisers an der Reichs­kanzlei in einem Zusammenhang steht. Man wird allerdings auch nicht außer acht lassen dürfen, daß in der älteren Zeit vielfach Mangel an qua­lifizierten Kräften für die Sekretärsposten herrschte und man sie dort nehmen mußte, wo man sie fand. Im 16. Jahrhundert ist die Zahl der Sekretäre aus den österreichischen Ländern recht groß. Das erklärt sich auch daraus, daß die meisten Beamten der früheren Hofkanzlei Ferdinands I. in die Reichskanzlei übernommen wurden. Verhältnismäßig stark ist in den ersten Jahrzehnten Tirol vertreten 98). Gegen Ende des Jahrhunderts ist bemerkenswert, daß eine Anzahl von Beamten aus Schlesien war "). Teilweise hing dies Letztere auch mit dem zu allen Zeiten in der Reichs­kanzlei blühenden Nepotismus, dem Cliquenwesen und der Vetternwirtschaft zusammen, indem die Beamten bestrebt waren, Verwandte in den Dienst zu bringen 10°). Um die Mitte des 18. Jahrhunderts erfolgte insoferne ein Rückschlag in der angedeuteten Entwicklung, als eine Reihe von Öster­reichern auf die Sekretärsposten kamen. Doch hielt dies nicht lange an. Eine Gruppierung der nicht aus Österreich stammenden Sekretäre zeigt, daß der Südwesten und Nordwesten des Reiches die meisten stellte. Der Nord­osten und Mitteldeutschland sind so gut wie gar nicht vertreten. Bayern, das im 16. Jahrhundert so viele Beamte für die Reichskanzlei geliefert hatte, tritt später auch ganz gegenüber den Rheinlanden, Westfalen und den fränkischen Gebieten in den Hintergrund. Ähnlich wie bei den Sekretären lagen die Dinge wohl auch bei Taxatoren und Registratoren 101). Doch 97) So Weber, Vieheuser und Freymon. 0S) Singkmoser, Rost und Lindegg. ") Die beiden Hanniwald, Hertel und Gerstmann. lüu) Beispiele dafür bieten sich in reicher Fülle. Man vgl. die biograph. Daten S. 307 ff. Vgl. auch unten S. 122. 101) Über die Konzipisten erübrigt sich eine Untersuchung, da sie größtenteils zu Sekretären aufstiegen. 119

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