Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

der kaiserlichen Politik eine offene Niederlage: in höflichsten Worten eine Ablehnung des Durchmarsches der kaiserlichen Truppen. Der schwäbische Kreis, dessen Lage eine noch viel gefährdetere war, hatte schon vorher eine Gesandtschaft mit demselben Ergebnis nach Wien abgesandt76. Von Wien her gesehen, machten diese Vorgänge tatsächlich einen beunruhigenden Eindruck. Dem Kaiser schlug man den Durchmarsch der Truppen ab, dagegen erhöhte man die eigene Kreismannschaft um ein Drittel — auf achttausend Mann; diese Maßnahme wurde noch bedenklicher durch das Auftreten des heim Regensburger Reichstag akkreditierten fran­zösischen Gesandten Chamois in Nürnberg, der die Aufrüstung des Kreises in aufdringlicher Weise förderte77. Zu all dem brach auf dem Regensburger Reichstag zwischen dem neuen mainzischen Gesandten und dem kaiserlichen Prinzipalkommissär über einer bloßen Formfrage ein Konflikt aus, der eine Behandlung der spanischen Frage vor dem Reichsforum verhinderte78. Fast hat man das Gefühl, daß beide Teile darüber nicht böse waren, obwohl man gerne von der Zuständigkeit des Reichstages sprach: Kardinal Lamberg entging damit der Gefahr, sich auf dem Reichstag eine Abfuhr zu holen. Der Mainzer hatte wenig Interesse, unter den Augen des französischen Ge­sandten eine aktive Rolle in der spanischen Frage zu spielen, hatte sich Chamois in Regensburg doch schon zu einer offenen Drohung gegen den Erzkanzler verstiegen, wenn dieser für die Sache des Kaisers Partei er­greifen sollte79. Solche Vorfälle waren sehr geeignet, den Erzkanzler in seiner zu­rückhaltenden Stellung zu bestärken. Gerne ergriff er jede Möglichkeit, die sich ihm bot, um eine Lanze für die Aufrechterhaltung des Friedens zu brechen und die Abneigung der Reichsfürsten gegen einen neuen Krieg zu betonen. Er hoffte auf ein Gelingen der päpstlichen Vermittlungsaktion80, obwohl diese bei der bekannten Franzosenfreundlichkeit des Papstes nicht viel Aussicht hatte81; er tröstete sich mit dem schlechten Zustand der 76 Ber. Löwenstein-Wertheim 10. II. 1701, a. a. 0. 77 Lothar Franz an Wratislaw 12. III. 1701, M. E. A. Friedensakten 84a. 78 Lothar Franz an WratiBlaw 9. II. 1701, a. a. 0. und Theatrum Europaeum, XVI., S, 493. 79 Theatrum Europ. XVI., S. 494. 80 Lothar Franz an Wratislaw 29. I. und 9. II. 1701, a. a. 0. und Loth. Franz an Kurköln 9. II. 1701, M. E. A. Korr. 99. 81 L. Frhr. v. Pastor, Geschichte der Päpste, XV., Freiburg i. Br. 1930, S. 14 f.; H. Kramer, Habsburg und Rom in den Jahren 1708 — 1709 (Publikationen des Österr. Histor. Instituts in Rom III), Innsbruck 1936, S. 3, 4. 139

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