Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

Im Reich hatten sich in den vergangenen Wochen der Untätigkeit der kaiserlichen Zentrale Entwicklungen angebahnt, denen man am Wiener Hof mit nicht allzu großem Vertrauen gegenüberstand, zu deren Meisterung man die helfende Hand des Mainzers brauchte und sich seiner Person versichern mußte. Die Vorgänge lagen auf einem Gebiet, auf dem man schon einmal das selbständige Vorgehen des Kurfürsten kennen gelernt und unangenehm empfunden hatte: Die Kreise begannen sich wieder zu regen. Der verheißungsvolle Aufschwung dieser „politischen Interessen­gemeinschaften“ 63 auf dem Boden und im Rahmen des Reichs bei dem letzten großen Abwehrkampf gegen Frankreich war nach dem Rijswijker Frieden wieder in nichts verebbt. Wie so oft in der deutschen Geschichte war mit dem Wegfallen der unmittelbaren Gefahr auch der Wille zur Tat geschwunden. Der Assoziationsgedanke war wieder eingeschlafen, die große Möglichkeit, neben dem Kaiser und den mächtigen Territorialfürsten auch die bunte Welt des Zwischenreiches, in der der alte Reichspatriotismus seine stärksten Kräfte hatte, zu einem politischen Leben von höherer und achtunggebietender Bedeutung flott zu machen, war nicht verwirklicht worden. Der Plan eines stehenden Heeres, der hiefür die Grundlage hätte bieten sollen und eine Friedensarmee von 40.000 Mann vorgesehen hatte, war nicht zustande gekommen. Man hatte schließlich von allen Seiten redlich dazu beigetragen, das gesunde, aber zarte Werk umzubringen: In die egoistische Welt der mächtigen Reichsstände hinausgestoßen, als Hebel machtpolitischer Wünsche mißbraucht, ist das mit so vielen Wünschen und Hoffnungen eingeleitete Unternehmen eines Zusammenschlusses der Kreise und eines Schutzes des deutschen Südwestens durch die Kräfte seiner Landschaft verkümmert64. Geblieben war aber in den vorderen Kreisen das Gefühl der Unsicherheit und die ständige Sorge, in einem Konflikts­fall wiederum der Willkür der mächtigeren Nachbarn ausgeliefert zu sein. Diese Sorge war durch den Frieden von Rijswijk noch erhöht worden. Er hatte durch die Auslieferung Straßburgs und des Elsaß die vorderen Kreise selbst zur Grenze gemacht. Und dann griff die spanische Frage immer drohender auch in das politische Leben des Reiches ein und rückte die Möglichkeit eines neuen Krieges in große Nähe. Die Spannungen, die die neunte Kur im Reiche selbst erregte, kamen hinzu, um bei den kleinen 63 H. H. Kaufmann, Der fränkische Kreis von 1559—1567. Ein Vorbericht. Zeit- schr. f. bayrische Landesgesch. 1932, II., S. 255. — Über die Kreise vgl. im allgemeinen A. Schulte, Der deutsche Staat, a. a. 0., S. 161 f. 64 B. ErdmanDsdörffer, Deutsche Geschichte vom Westfälischen Frieden bis zum Regierungsantritt Friedrichs des Großen, Berlin 1892/93, II., S. 71 ff. 135

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