Historische Blätter 7. (1937)
Walter Latzke: Das Ende des Wiener Frauenklosters St. Anna
das Kloster, damit es nicht in weltliche Hand falle, mit der Nonne und allem Einkommen dem Kloster St. Jakob inkorporieren. Es solle vornehmlich darauf geachtet werden, daß die jährliche Kontribution ordentlich entrichtet, die Zimmer im Kloster vermietet und der Gottesdienst zu St. Anna aufrechterhalten würde6i. Als der Kaiser am 13. September ein dem Gutachten völlig folgendes Dekret erließ53 *, schien der schon 1557 gefaßte Plan Ferdinands I. verwirklicht und St. Anna durch die Inkorporation nach St. Jakob in aller Stille aus der Reihe der Klöster gelöscht. Freilich schien das Dekret vom 13. September 1571 die Transferierung nicht als endgültige Lösung aufzufassen, denn sie sollte nur auf des Kaisers „wo!gefallen und weitere Verordnung“ erfolgen. Wahrscheinlich war diese Formel gewählt, um der Notwendigkeit einer päpstlichen Genehmigung der Inkorporation auszuweichen, von der noch in dem unausgeführt gebliebenen Translationsdekret Ferdinands I. vom 14. Oktober 1552 ausdrücklich die Rede gewesen war. Vielleicht aber haben bei Maximilian II. auch schon andere Erwägungen mitgespielt. Denn das Dekret vom 13. September 1571 kam zunächst nicht zur Ausführung. Vielmehr befahl die Reichskanzlei am 4. Oktober dem Klosterrat, einen Überschlag der jährlichen Einnahmen und Ausgaben von St. Anna vorzulegen und mit der Transferierung einstweilen noch zuzuwarten64. Der Klosterrat legte den verlangten Überschlag am 10. Oktober vor65 *; da aber keine Weisung wegen der Transferierung erfolgte, fragte er am 17. Oktober bei der Reichskanzlei darum an6e. Es verging jedoch abermals fast ein Monat, ehe eine Weisung erging. Unterdessen scheinen sich am Hofe Verhandlungen abgespielt zu haben, die das weitere Schicksal von St. Anna in entscheidender Weise beeinflußt haben. Am 11. Dezember 1550 hatte König Ferdinand dem General des neuen Jesuitenordens Ignatius von Loyola brieflich den Plan der Gründung eines Jesuitenkollegiums in Wien vorgelegt67. Schon am 25. April 1551 waren die Jesuiten Jajus und Schorich nach Wien gekommen und hatten ihre Tätigkeit mit theologischen Vorlesungen an der Universität begonnen. Seither hatte sich die Ordensniederlassung rasch vergrößert und 62 conz.; StA; ebendort. 52 Das Dekret selbst ist nicht erhalten, der wesentliche Wortlaut dem Berichte des Klosterrates an den Kaiser von 1571 Nov. 20 zu entnehmen. 54 Dekret der Reichskanzlei an den Klosterrat (or.); StA, 1. c. 65 Bericht des Klosterrates an den Kaiser (conz. und or.); ebendort. 56 Bericht des Klosterrates an den Kaiser (conz. und or.); ebendort. 67 Die folgenden Angaben aus Duhr, Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge, I, S. 46—51. 107