Historische Blätter 5. (1932)

Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow

dazu hatte bewegen lassen, durch ein offenes Telegramm eine solche von Alexander II. selbst vorzutragen, und seitdem es dabei an den Tag ge­kommen war, daß es jetzt einen möglichen Krieg zwischen Rußland und Österreich gelte — eine ganz andere und für das Deutsche Reich weit verfänglichere Sache als ein russischer Krieg gegen die T ü r k e i ! Aber die Sondierung, die Schweinitz auf mündlichen Befehl Bismarcks in betreff der Aussichten eines deutsch-russischen Bundes mit Garantie für Elsaß-Lothringen ausführte, wurde von Gorcakow sofort und ohne jede Spur von Bedenken abgelehnt — die Möglichkeit, sich gegen ein sonst allzu mächtiges Deutschland auf Frankreich zu stützen, war eine Voraussetzung seiner Staatskunst, die er unter keinen Umständen aus den Händen zu lassen gesonnen war 40 * * * * * 46. Sein in der Zeitung „Estafette“ im November 1876 wiedergegebener Brief an die Fürstin Trubeckoj in Paris gab wohl seinem Unmut über unzureichende französische Dienst­fertigkeit Ausdruck, bedeutete aber keine Absicht, die französische Freund­schaft darum aufzuopfern. („Je commence ä m’apercevoir que ma Sym­pathie pour la France frise la naiveté“ und weiter — nicht in der Zei­tung wiedergegeben — „Nous leur avions préparé un si beau role et ils n’en ont pas voulu“ sind die Sätze, die im Berichte des Botschafters Fürsten Chlodwig von Hohenlohe vom 12. mitgeteilt werden 47.) Bismarck hatte anfangs einige Schwierigkeit, den rechten Zusam­menhang und die innerste Absicht der Maßnahmen Gorcakows im 40 B. v. Bülow an Bismarck Berlin 10. Okt. (Telegramm); zustimmende Ant­wort Bismarcks Varzin 11. Okt. 1876 (Dito). Berlin. Die Große Politik, II S. 52 ff.: General v. Werder an das Auswärtige Amt Livadia 25. Sept., B. v. Bülows Antwort Berlin 30. Sept., Gegenantwort v. Werders Livadia 1. Okt., Bis­marck an B. v. Bülow (empfangen 2. Okt.), Diktate des Kanzlers Varzin 2. und 4. Okt. usw.; II S. 80 f.: Schweinitz an B. v. Bülow Jalta 1. Nov. 1876 (die Unter­redung mit GorCakow). 47 Der Botschafter Fürst Chlodwig zu Hohenlohe an B. v. Bülow Paris 12. Nov. (Auszug), Herbert Bismarck an B. v. Bülow Varzin 18. Nov. (Auszug), B. v. Bülow an Schweinitz Berlin 21. Nov. 1876 (Konzept von Radowitz). Berlin. Im letztgenannten Konzept findet sich die Notiz der „Estafette“ eingeldebt. Graf Her­bert schreibt: „Der Reichskanzler bittet Eure Excellenz, den Bericht A. 6503 [= Hohenlohes Brief 12. Nov.] Herrn von Schweinitz mitzutheilen, zu gelegentlicher ,scherzhafter' Erwähnung des darin erhaltenen Passus über den Gortschakoff’schen Brief an die Fürstin Trubetzkoi vor dem russischen Staatskanzler. Gelegentlich könnten Herr von Schweinitz und Herr von Werder auch dem Kaiser Alexander davon sprechen, und Ihm sagen, ,daß die Gesinnung, welche jenen Brief dictiert hätte (ebenso wie schon das russische Verhalten im Frühling 1875 und die Aus­nutzung der damaligen Lage), das Vertrauen auf die Zukunft bei uns abschwächte'.“ 92

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