Historische Blätter 5. (1932)

Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow

licher Bedeutung sei42. In Berlin versuchte Gorcakow, die deutsche Annäherung zu verwerten, Kanzler und Kaiser zu binden und die Freundschaftsversicherungen unverweilt für aktuelle russische Pläne auszunützen. Zu diesem Zwecke geschah — ohne jeden Zweifel auf Befehl des Staatskanzlers, wenn auch Bismarck dies anfänglich in Frage stellte — die bekannte offizielle Erkundigung Oubrils bei Staatssekretär von Bülow: welche Haltung Deutschland einnehmen werde, wenn die Würde Ruß­lands es nötige, auf eigene Hand vorzugehen („si notre dignité nous imposait d’agir isolément“), und welches Verfahren Fürst Bismarck vor­zuschlagen habe, wenn er den russischen Weg zu gehen Bedenken trage (d. h. Kongreß oder Konferenz, zwei fließende Begriffe, auf deren Unter­scheidung Bismarck seinesteils kein Gewicht legte). Kaiser Wilhelm sah keine Schwierigkeit, diese Fragen zu beantworten: im ersten Falle „neutralité bienveillante“, im späteren fortgesetzter Notenwechsel „ad infinitum“. Obgleich aber sein erster Ratgeber gegen die wohlwollende Neutralität in der Sache nichts einzuwenden haben konnte — das lag ja tatsächlich schon in den Äußerungen Manteuffels in Warschau — setzte er sich augenblicklich und mit aller Kraft dem Gedanken entgegen, daß man in so auffallender Weise sich offizielle Verpflichtungen abfordern und durch Oubril Antwort geben solle, besonders so lange, als dieser den gebührenden Auftrag nicht vorzeige. Nachdem Bismarck in einem Diktat vom 16. September seine Ansicht eingehend entwickelt hatte, ließ sich auch der Kaiser dazu bringen, ihr beizutreten. Er nahm es auf sich, als der Bruder Alexanders, Großfürst Nikolaus, in denselben Tagen Berlin besuchte, diesem zur größeren Sicherheit das zu wiederholen, worüber schon bei Manteuffels Reise unter den Monarchen Klarheit erzielt worden war, und er versprach sogar, obschon nicht ohne Wider­streben, von der Ungeeignetheit Oubrils als Hüter deutsch-russischer Freundschaft eine Andeutung zu machen 43. Am Tage darauf (19. September) gingen entsprechende Befehle an Graf Berchem in Petersburg ab. Oubril, heißt es hier in fast wörtlicher 42 Geschäftsträger Graf v. Berchem an das Auswärtige Amt St. Petersburg 13. Sept. 1876 (entzifferter Brief). Berlin. 43 Die Große Politik, II S. 47 f. (B. v. Bülows Aufzeichnung der beiden Fragen Oubrils 14. Sept. 1876, mit Randbemerkungen des Kaisers), S. 32 (Bismarck an B. v. Bülow Varzin 14. Aug.; über Kongreß und Konferenz heißt es: „ich lege auf die Unterscheidung dieser beiden flüssigen Begriffe keinen Wert“), S. 48 ff. (Bismarcks Diktat 16. Sept.), S. 52 (B. v. Bülows Aufzeichnung 18. Sept. von Kaiser Wilhelms Zustimmung). 90

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