Historische Blätter 5. (1932)
Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow
bei Zar Alexander Vorbeugen, und er wünschte zugleich aus der Gelegenheit Nutzen zu ziehen, die durch die Anwesenheit des Kaisers bei Manövern in der Nähe von Warschau geboten wurde, um auf eine Weise, die weder aufdringlich erscheinen noch Aufsehen erregen konnte, seine gegenwärtige Stimmung und Denkweise zu erforschen. Um so wünschenswerter fand er diese Maßnahme, als es bekannt wurde, daß Fürst Gorcakow gegen den gewöhnlichen Brauch den Monarchen auf der Inspektionsreise begleiten solle, was auf Verhandlungen mit Österreich deuten könne; erscheine in der früheren polnischen Hauptstadt ein hochstehender Österreicher aus dem anti-andrässyschen Lager, wie Erzherzog Albrecht, so sei das ein beachtenswertes Symptom. Der Mann, den Franz Joseph wirklich sandte, General der Kavallerie und kommandierender General in Galizien Graf Neipperg, Träger eines seit den Tagen Maria Theresias bekannten österreichischen Namens, hat indessen solche Besorgnisse augenscheinlich nicht bekräftigt39. Das Ergebnis der Erwägungen des Kanzlers ward die Sendung des Feldmarschalls Freiherr Edwin von Manteuffel nach Warschau. Wilhelm I. leistete zuerst ein wenig Widerstand, weil er die Entsendung eines besonderen Gesandten, um Alexander zu begrüßen, für auffallend und unnötig fand („moutarde aprés diner“ — eine stehende Redensart Kaiser Wilhelms), da solches früher nicht üblich gewesen und ein Generalmajor (Graf Wartensleben), um den Manövern zu folgen, schon dahin geschickt war. Der Reichskanzler setzte aber seinen Willen durch, indem er nach seiner Gewohnheit in solchen Fällen eine Darlegung seiner Motive und der Sachlage vorlegte, der sich der Monarch beugte. Auf die Gedankenfolge und auf den Bericht Manteuffels über den vollbrachten Auftrag sowie auf die Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen während des Herbstes im ganzen näher einzugehen, ist hier nicht notwendig und würde uns von dem eigentlichen Gegenstände allzu weit abbringen. Ein paar kleinere Zusätze mögen genügen, wobei der erste, äußerst kurze telegraphische Rapport des Feldmarschalls einen Übergang bilden mag: „Total-Eindruck bis jetzt: Verletztfühlen über Ablehnung der Conferenz-Initiative. Wunsch Waffenstillstand und Friedensunterhandlungen ganz getrennt zu behandeln. Noch Herr der Situa39 Die Große Politik, II S. 34ff. (mit Note S. 34): Bismarcks Diktat Varzin 30. Aug. 1876. — Telegrammwechsel zwischen dem Kanzler, dem Auswärtigen Amte und dem Kaiser 30.—31. Aug. in den „Acta betreffend den Aufstand in der Herzegowina“, Berlin. Siehe die Anlage 7 a—f in H i s t o r i s k Tidskrift 1931, S. 395 ff. 88