Historische Blätter 5. (1932)
Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow
Schweinitz jedoch gedachte, zu dieser Zeit des Sommers seine Ferien anzutreten, die er seiner Neigung nach teilweise den stärkenden Freuden der Jagd zu widmen pflegte35. Für seinen Stellvertreter, Geschäftsträger Graf Berchem, der den russischen Staatskanzler noch wenig kannte, schien Bismarck die Aufgabe nicht geeignet; diese Sache sollte darum bis zur Zurückkunft des Schweinitz ruhen. Ein solcher Aufschub erschien dagegen in betreff der oubrilschen Klagen über die verweigerte Audienz in keiner Weise geboten. Die Version des Kanzlers von diesem absichtlichen oder unabsichtlichen Mißverständnis geht darauf hinaus, der russische Botschafter habe bei jener Gelegenheit vor der Kissinger Reise nie förmlich gebeten, ihn zu sehen; er habe vielmehr mitgeteilt, daß er nicht belästigen wolle, und überhaupt nur um eines kranken Neffen willen nach Berlin gekommen sei. Da andere Angaben fehlen, entzieht sich diese Aussage genauerer Prüfung; man dürfte am ehesten vermuten, daß Oubril ein Ersuchen in taktvoller Form vorgebracht zu haben glaubte, das der Reichskanzler aber so nicht hat auffassen wollen. Schweinitz sagt, er habe den Russen beharrlich abgewiesen 36. Bismarck jedoch behauptet, er habe den Botschafter Alexanders immer empfangen, wenn jener einen solchen Wunsch ausgesprochen habe; er habe ihn sogar mehrmals in seiner Wohnung aufgesucht, als er ihm zu selten gekommen sei. Da Oubril offenbar den entgegengesetzten Eindruck hat erwecken wollen, sieht er darin das Ergebnis einer mangelnden Wahrheitsliebe, die gewiß jeden vertraulichen Verkehr beider Kabinette erschwere. Darüber habe er schon vor vier Jahren bei dessen Souverän mündlich Klage geführt. Er könne bei diesen Verhältnissen gegenwärtig nichts anderes tun, als Fürst Gorcakow tatsächlich nachweisbare Unwahrheiten, wie im vorliegenden Falle, mitzuteilen. Sicherlich mit gutem Rechte hebt dann Bismarck hervor, daß es wesentlich russische Interessen seien, die er Lord Odo Russell gegenüber und durch ihn bei seiner Regierung zu vertreten gehabt habe. Gorcakow hatte gegen die deutschen Staatsmänner den Vorwurf erhoben, daß sie mit England „harmonierten“ — in dem Briefe Schweinitz’ heißt es „charmieren“, d. h. kokettieren —; die Wahrheit ist nach dem deutschen Kanzler einfach die, daß man sich bemüht hatte, ein unfreundliches Verhältnis zu vermeiden. Bei seinem Sprechen von dem Petersburger Mißtrauen wisse Fürst Gorcakow selbst, wie ungerecht dies sei; denn schwerlich dürfte Rußland nach dem Verschwinden Bismarcks in Berlin einen Minister des Äußeren mehr 85 Schweinitz, Denkwürdigkeiten, I S. 343ff. 36 Ibidem, IS. 336. 86