Historische Blätter 5. (1932)

Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow

jedoch nicht ausgefertigt worden. Fürst Bismarck faßte statt dessen mit eigener Hand einen ausführlichen Privatbrief gleichen Inhalts ab, indem er jedoch nähere Vorschriften im Namen des Kaisers in Aussicht stellte 20 * * * * * 26. Unter den Akten des Amtes findet sich die in mehr als einer Hin­sicht lehrreiche Antwort Münsters (vom 11. Juli)27. Der Botschafter bekannte seinen Fehler und gelobte Besserung, aber bei diesem Nach­geben seiner selbst und seiner Stellung sicher, nahm er sonst mit voll­kommener Ruhe das lange Schreiben seines Vorgesetzten auf, das er als ein erfreuliches Zeugnis von den guten Wirkungen der Kissinger Badekur und als ein Zeichen der Freundschaft und des Wohlwollens des Fürsten deutete — offenbar eine Ahnung von leiser Ironie in der Form untadelhafter Höflichkeit. Er hob desgleichen hervor, daß die Kriegs­gefahr nunmehr durch die Reichstädter Zusammenkunft Franz Josephs und Alexanders II. nebst den sie begleitenden Ministern gemindert sei; auch regten die türkischen Grausamkeiten in Bulgarien, die verneint würden, aber doch teilweise wahr zu sein schienen, die öffentliche Mei­nung Englands gegen die Türkei auf und erleichterten dadurch eine Ver­ständigung unter den Mächten. Er gab zu — was Bismarck, wie es scheint, behauptet hatte — daß die englische Nation friedliebend sei, aber er unterstrich dabei die merkliche Tatsache, daß es doch eine Kriegspartei gebe, stark, wenn auch nicht groß, die den Krieg wünsche und den Augenblick für richtig halte, die Macht Rußlands, wenn nicht zu brechen, so doch auf längere Zeit zu lähmen, das Wachsen seines Einflusses in Asien zurückzuhalten und gleichzeitig auf Ägypten die Hand zu legen 28. Zu dieser Partei zählte er den Prinzen von Wales, 20 Herbert Bismarck an Josef v. Radowitz (d. J., im Auswärtigen Amte ange­stellt) Kissingen 9. Juli 1876 (eigenhändig). Konzept eines Schreibens an Münster 12. Juli, mit dem Signum „v. Rdtz.“ und mit dem Vermerk: „Cessat nach An­weisung Sr. D.“ Der lange eigenhändige Brief des Reichskanzlers wird in der Ant­wort Graf Münsters an Fürst Bismarck genannt, die London 11. Juli 1876 datiert ist (eigenhändig mit vom Kanzler geschriebenen Randbemerkungen). Berlin. 27 Siehe Note 26. In Historisk Tidskrift 1931, S. 389ff., als Anlage 3 gedruckt. 28 Über die Haltung des Prinzen von Wales und der Königin selbst vgl. u. a. Letters of Queen Victoria 1862—187 8, II S. 561 (Unterredung mit dem Militárattaché in Petersburg Oberst Wellesley 8. Aug. 1877): „He only hoped he might convey some friendly and conciliatory messages to the Emperor [of Russia], which I said he certainly might. The latter said and believed that the Prince of Wales and I were anti-Russian, which I said was not untrue, for we felt strongly the way in which Russia had behaved all along, and how they had instigated the Bulgarian insurrection which had led to the massacres. We 79

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