Historische Blätter 5. (1932)
Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow
von voller Selbstverwaltung die Rede. Ehe in diesem Punkte volle Klarheit erreicht sei, könnte nach der zu Münster selbst geäußerten Ansicht Lord Derbys von weiteren Verhandlungen keine Rede sein. Der Botschafter schließt sein Schreiben damit, daß er den Ernst der Lage unterstreicht und den Wunsch ausspricht, es möge „der bewährten Weisheit und Friedensliebe“ des Kaisers „gelingen, für Erhaltung des Friedens ferner erfolgreich zu wirken“. Von dem dabei einzuhaltenden Verfahren wie von den Mitteln dazu wird nichts gesagt: mit gutem Recht konnte daher Bismarck in der Abschrift, die ihm Vorgelegen hat, ein kurzes „Wie?“ hinzusetzen. Wahrscheinlich hat Münster von der deutschen Regierung ein vermittelndes und ausgleichendes Eingreifen gewollt. Daß ein solches zu wünschen sei, das war jedenfalls der Schluß, den der bejahrte, aber immer noch für politische Fragen lebhaft interessierte Monarch aus seiner Eingabe zog; schon im voraus von dem Briefe Königin Viktorias aufgeregt, meinte er, man dürfe nicht England auf eigene Hand eine gefährliche Richtung einschlagen lassen, und seinen Gedanken gab er in einer weitläufigen, eigenhändigen Zuschrift an seinen Kanzler charakteristischen Ausdruck, der dergleichen Einmischungen von höchster Stelle nicht liebte 23. Bevor noch das kaiserliche Handschreiben vollendet war, erhielt der Briefschreiber einen zweiten Immediatbericht des Gesandten in London, vom 3. Juli datiert, dessen Hauptinhalt hier wiederzugeben ist 24. Die britische Regierung hatte mittlerweile ihre Antwort auf die Depesche Fürst Gorcakows an Suwalow abgegeben, und sie hatte darin, ohne die russische Regierung für die Kriegsgefahr auf dem Balkan verantwortlich zu machen, es dennoch deutlich ausgesprochen, daß die „Slawen-Komitees“ und die Presse deren Voraussetzungen wesentlich geschaffen hätten. Der Vorschlag, den sogenannten christlichen Provinzen der Türkei Selbstverwaltung („autonomie tributaire“) zu geben, wurde abgelehnt, weil ein solcher Rat jetzt zu spät komme, aber zugleich mit einer Begründung, die sowohl Suwalow als auch Fürst Bismarck sofort 23 Kaiser Wilhelm an Fürst Bismarck Ems 3. Juli 1876 (eigenhändig). Berlin. Vgl. unten S. 76 ff. Der Brief ist in Historisk Tidskrift 1931, S. 385 ff., als Anlage 2 gedruckt. 24 Graf Münster an Kaiser Wilhelm London 3. Juli 1876. Abschrift mit eigenhändigen Bleistiftbemerkungen von Fürst Bismarck. Berlin. In Historisk Tidskrift 1931, S. 383ff., als Anlage 1 b gedruckt. 75