Historische Blätter 5. (1932)

Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow

1865—1869, Gesandter und Botschafter in Wien 1869—1876 — den südslawischen Verhältnissen seit fünfzehn Jahren seine Aufmerksamkeit gewidmet hatte, besaß übrigens in dieser Frage sein eigenes Programm: er wünschte, daß Europa mit so großer Macht und Autorität interveniere, daß jeder Widerspruch sogleich verstummen müsse, und daß die auf­ständischen Provinzen, ohne formelle Kränkung der türkischen Integrität, von Delegierten der europäischen Mächte, die eine europäische Gendar­merie unterstütze, in Verwaltung genommen werden sollten. Er ver­schloß aber diese Ideen in sich, denn, wie er sagt, fand er bald, daß seine Regierung die Dinge nicht von „sachlichen“, humanen oder ökono­mischen Gesichtspunkten aus betrachte, sondern die türkischen Verwick­lungen für den rein politischen Zweck ausnützen wolle, um eine Grup­pierung der Großmächte zu schaffen oder um wenigstens den anderen Großmächten eine Beschäftigung zu bereiten, die auf lange Zeit hinaus feindliche Koalitionen gegen Deutschland unmöglich machen sollten 14. Auch nach der Meinung von Schweinitz wurde die Stellung Mitte April etwas verändert, obgleich er General Rodich in seinen Denkwürdig­keiten nicht auftreten läßt; er spricht vielmehr von kleineren Siegen der Insurgenten und von der drohenden Haltung der Türken gegen Serbien und Montenegro. Sogar ein so maßvoller russischer Diplomat wie der spätere Minister des Auswärtigen Giers hob hervor, daß Rußland die Niederwerfung Serbiens nicht dulden könne. Bemerkenswert ist eine Äußerung Fürst Gorcakows, weil daraus mit einer gewissen Wahr­scheinlichkeit hervorzugehen scheint, daß er nie ein so entschiedener Freund des Friedens gewesen, wie ihn wenigstens Langenau darstellen will: „Unsere Presse wird jetzt unruhig und greift auch mich persönlich an; meine jetzige Politik entspricht weder meiner Neigung noch meiner Gewohnheit; ich war immer für klare und entschiedene Maßnahmen, wenn sich mir aber der Kriegsminister an den einen und der Finanz­minister an den anderen Arm klammert, was kann ich da tun?“ Daß der Verv/alter der Finanzen (von Reutern) Frieden wünschte, wird kaum befremden, Schweinitz zufolge war aber dies auch der Fall bei General Dmitrij Aleksejewic Miljutin — mit seinem Bruder Nikolaj, einem der Förderer der Aufhebung der Leibeigenschaft, nicht zu verwechseln — weil die Armeereform, die die große Tat seines Lebens darstellt, ihr erstes Stadium noch nicht durchgemacht hatte: die allgemeine Wehr­pflicht war erst zwei Jahre vorher gesetzlich eingeführt worden und 14 Schweinitz, Denkwürdigkeiten, I S. 317S. — Wertheimer, Gra! Julius Andrássy, II S. 288 ff. 70

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