Historische Blätter 5. (1932)

Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow

Langenau (26. Januar), „glaube ich durch das Gesagte neuerdings con- statirt zu haben, was ich mir schon mehrmals auszusprechen erlaubte, daß trotz den abentheuerlichen Zielen, welche man Rußland im Oriente gerne unterschieben möchte, seine Politik, Dank sei es dem Character des Kaisers Alexander, viel weniger zu Besorgnissen Veranlassung gibt und viel gerader, correcter und friedlicher ist, als diejenige des großen Staatsmannes an der Spree, so unschuldig er sich auch stellen mag4.“ Andrássy, der nicht die bismarcksche Gewohnheit hatte, seinen Gedanken in epigrammatischen Randbemerkungen Ausdruck zu verleihen, setzte doch hier, wie beim Lesen der Briefe Langenaus oftmals, ein großes Fragezeichen an den Rand. Sein innerster Wunsch war ja im Gegenteil ein enger Zusammenschluß mit Deutschland, gerne mit Beitritt Eng­lands, aber womöglich mit Ausschluß der Macht, die der Freiheit Ungarns im Jahre 1849 den Todesstoß versetzt hatte und deren Inter­essen auf der Balkanhalbinsel, wie in der slawischen Welt überhaupt, von denen der Donaumonarchie sich scharf unterschieden. Das Reden Fürst Gorcakows von der Uneigennützigkeit Rußlands war übrigens insoweit wahrscheinlich ehrlich, als er zu diesem Zeit­punkte sich kaum noch unbedingt eine Erweiterung der Grenzen Ruß­lands zum Ziele setzte. Aber auch sein österreichischer Freund und Verteidiger hat bei anderen Gelegenheiten die Augen nicht davor ver­schlossen, daß die Konsequenzen der russischen Politik sich in der Tat nicht im voraus übersehen ließen. Als im Januar Fürst Gorca- kow in einem Gespräche mit dem Gesandten des Sultans, Kabuli Pascha, dessen Inhalt er sicherheitshalber auch durch Ignatiew direkt in Stambul mitteilen ließ, von der Hohen Pforte „une transformation complete de l’état des choses actuel“ verlangte, mit dem Hinweis, daß sonst die Ver­breitung der bosnischen Erhebung und die Einbeziehung neuer Elemente in den Streit sogar das Dasein der Türkei in Frage setzen könnte, er­griffen Kabuli aus guten Gründen lebhafte Besorgnisse für die Zukunft seines Landes 5. „Er fragt sich wahrscheinlich“, schreibt Langenau, „ob selbst mit dem besten Willen der Welt die Ottomanische Regierung im­stande sei und die Mittel besitze, um in kurzer Zeit eine vollkommene Veränderung des gegenwärtigen Standes der Dinge durchzuführen.“ 4 Langenau an Andrássy 14./26. Jan. 1876 (Privatbrief). Wien. 5 Langenau an Andrássy 14./26. Jan. Wien. Über das Unvermögen des Sultans vgl. die Einräumungen Gorcakows an Loftus April 1876: Tatiscew, a. A., II S. 303. — Das Werk Tatiscews, das auf gedruckte und ungedruckte Akten baut, aber einen ausgeprägten Charakter offizieller Geschichtsschreibung trägt, hat für diesen Aufsatz nur zufälligerweise befragt werden können. 64

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