Historische Blätter 5. (1932)

Dr. Julius Marx: Eine vormärzliche Wirtschaftskrise im Lichte der amtlichen Berichte

3°/o nicht an den Mann bringen konnte; noch immer wurde das Reali­tätengeschäft bevorzugt oder man nahm die eben ausgegebenen drei- prozentigen Zentralkassenanweisungen. Einige Fallimente und die schlechten Marktausfälle, namentlich in Pest, setzten die Kaufleute in arge Verlegenheiten, weil sie ihre ausstehenden Gelder nur zum geringsten Teil hereinbrachten. So gingen beim Grazer Fastenmarkte gut zwei Drittel der wenigen Geschäfte auf Kredit. Sofort verschwand das leise aufgekeimte Vertrauen, der Diskont stieg auf 4°/o, doch konnte unter 5°/o niemand privat Geld auftreiben, selbst gute Häuser mußten 6 bis 7% zahlen. Die Sparkasseeinlagen minderten sich, die Börse zeigte völlige Lustlosigkeit. Man war froh, daß Hamburgs Brand für Wien keine wirtschaftlichen Folgewirkungen zeitigte. Vorübergehend erlebten nach günstigen Sommermärkten alle Textilzweige einen kräftigen Aufschwung, im Herbst war es nach den flauen Messen in Deutschland und Märkten im Inland damit zu Ende, eine trostlose Lage ohne Aussicht auf Än­derung trat ein. Am schlimmsten erging es den kleinen Kaufleuten und Erzeugern, denen jeder Kredit entzogen wurde. In ihrer Not griffen sie zu einem der heimischen Erzeugung sehr schädlichen Mittel: sie drückten die Güte der Waren. In Oberösterreich schrieb man die bestehende Stockung neben dem Einflüsse Englands und des Zollvereines, die den Markt stets enger be­grenzten, Kübecks Maßnahmen zu. Ihre Rückwirkung und vor allem die der Maschinen auf den Arbeitslohn ist erschreckend. Für 1 Tt Baum- woll-Maschinengespinst sank er auf l3/4 kr. (vor 8 Jahren noch 8 kr.), für 1 Stück Barchent betrug der Weberlohn 1 fl. Wiener Währung (noch im Vorjahre 2 fl. 15 kr. Konventionsmünze; er war also in einem Jahre auf etwa 18% gesunken!); für Schafwollgespinst — man erzeugte 1 U wöchentlich — zahlte man 16 kr. K.-M. (1841 noch 20 kr.). Die Nachfrage nach Handgespinsten sank überhaupt, billiger als das Straf­haus konnte wohl kaum jemand arbeiten und doch erhielt es immer weniger Bestellungen. Besorgt verfolgte man die schnelle Entwicklung der oberitalienischen Maschinenindustrie in Seide und Leinen, von der man für die Erbländer Nachteil befürchtete. In Triest verschärften Fallimente neuerlich die schwierige Lage. Resigniert erwartete man die Änderung von der Zukunft, vor allem vom Bahnanschluß ans Hinterland. Viel Schuld an den unerfreulichen Ver­hältnissen entfällt auf den Mangel an Unternehmungsgeist, wie aus Stadions Klagen erhellt; seine Tätigkeit, für die man bloß in Prag Inter­esse zeigte, fand bei den Händlern wenig Anklang. Englands Sieg über China löste die Erwartung einer günstigen Beeinflussung der Wirt­53

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