Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

welche der Kaiser genehmigt haben soll. Mir aber hat der Kaiser im Gegenteil aufgetragen, diese Akten in der Militärzentralkanzlei abzu­geben. Was ist nun gültig? 5. Oktober. Ich verließ Schwarzau 10 11 um 5x/2 Uhr früh und war um 9 Uhr in Wien. Ich begab mich zu Graf Grünne, um wegen Reponierung der Präsidialakten ihm mein Bedenken und meinen Antrag mitzuteilen. Er war allerdings mit mir einverstanden, daß diese Akten nicht unbedingt dem Polizeiministerium zu erfolgen sind, doch meinte er, ich solle meinen Antrag S. M. selbst vortragen. Morgen will ich es tun. Ich ließ mich bei Graf Grünne über mehrere Gegenstände aus: über die „Presse“ X1, für welche man alle verhaltenen Schleusen öffnet, und zwar — als Ironie des Schicksals — durch jene Männer, die man eigens aus­gesucht, sie einzudämmen, dann über die sonderbare Stellung des Polizei­ministers, welcher täglich den Lektüren im Ministerium des Äußern bei­wohnt und mit nichts sich beschäftigt als mit der Beobachtung der Presse. Graf Grünne nickte fortwährend sein Einverständnis mit meinen Bemerkungen zu, sprach jedoch dasselbe mit Worten nicht aus. Heute erfuhr ich durch Klier 12, daß die Überwachung meiner Person von Kardinal Rauscher 13 ausging und daß Herr Rohmann 14 Hübners Ver­trauter und Kommissär sei; er wußte schon lange, was mir bevorstand. 6. Oktober. Nach 9 Uhr fragte ich mich wiederholt15 bei S. M. wegen Behandlung der Präsidialakten an, indem ich die Rücksichten hervorhob, welche man den Berichterstattern (den Gendarmerie-Regi­mentskommandanten) um so mehr schuldig ist, als ihre freie, unum­wundene Sprache gegenüber ihrem ehemaligen Chef, einem Soldaten, unter der gegenwärtigen Zusammensetzung des Ministeriums — Graf Goluchowski war ja Statthalter16, über welchen Ungünstiges gesagt worden ist — dem Polizeiminister wohl nicht anvertraut werden kann. 10 Am Steinfeld bei Wiener-Neustadt. Hier pflegte Kempens Familie den Sommer zu verbringen. 11 Die bekannte Wiener Tageszeitung unter Zangs Leitung, die Vorläuferin der „Neuen Freien Presse“. 12 Wohl der Obereinnehmer der Universal-Staats- und Banko-Schulden-Kasse in Wien Turibius Klier von Treuenstamm. 13 Fürsterzbischof von Wien. 14 Hof- und Kabinettskurier im Ministerium des Äußern und mit Kempen entfernt verwandt. 15 Soll heißen: aufs neue. 16 In Lemberg, ehe er zum Minister des Innern bestellt wurde. 82

Next

/
Thumbnails
Contents