Historische Blätter 4. (1931)
Ferdinand Bilger: „Großdeutsche“ Politik im Lager Radetzkys
deutschen Macht“ kein Mann entbehrlich, um jenes „demagogische Treiben“ niederzuwerfen 144. Preußen waren es, die in Sachsen und in der Pfalz einrückten. Als jetzt, im Juni 1849, Baden von der Revolution überwältigt wurde 145, erschien Prinz Wilhelm von Preußen mit zwei Armeekorps als Retter auf denselben Gefilden des Oberrheins, von denen der österreichische Feldmarschall noch in seiner letzten Kundgebung mit Stolz gesagt hatte, daß hier „keine Quadratmeile zu finden sei, auf der nicht Österreichs Heere ihr Blut für Deutschlands Ehre und Rettung verspritzt hätten“ 146. Die schweren Wandlungen der Zukunft warfen ihre Schatten voraus. Greifen wir nochmals zum Schlüsse auf jenen Motivenbericht des Feldherrn über den Waffenstillstand von Vignale zurück. So wie die Leitung der deutschen Dinge durch Österreich stand dem Feldherrn die Stellung Österreichs zugleich als italienische Vormacht als Ziel vor Augen. In diesem Sinne hatte er dem Ministerpräsidenten am Schlüsse seines Berichtes zugleich ein Programm für die Apenninenhalbinsel entwickelt: durch Schonung Piemonts vor allem „das wechselseitig sich zu gebende Versprechen“ zu erreichen, „die Angelegenheiten Italiens gemeinschaftlich bei einem Italienischen Congresse aller Regierungen der Halbinsel dauernd und friedlich zu lösen“. „Es würde ganz besonders“ — hieß es dann weiter — „diese von Österreich aus eigenem freyen Antriebe gesetzte Bedingung ganz Italien die Gewährleistung einer gewissermaßen selbständigen Union geben, die dennoch — mit der Großmacht der gesammten österreichischen Monarchie aufs engste verbunden — ohne es zu wollen, durch die stille Suprematie dieses Reiches, die nur schützend und wohlthätig einwirken könnte, in allen Schritten ihrer künftigen Entwicklung auf vernünftige und staatsmännische Weise geleitet würde“. Österreich zugleich als „erste deutsche“ und „erste italienische Macht“147! Wir sehen mit der deutschen Bundespolitik den alten Plan 144 Ich möchte diese Anschauung aus dem ganzen Einblick in die Akten des italienischen Feldzuges vertreten, trotz der „geheimen Weisung“ Schwarzenbergs für die Aufstellung eines Observationskorps in Vorarlberg (Staatsarchiv Wien, Bericht Brucks vom 24. Mai 1849). 145 Stern, Gesch. Europas VII. 365. 148 Siehe oben Anmerkung 143. Für die Bedeutung dieses Eingreifens für die deutsche Politik Preußens vgl. Meinecke, Radowitz und die deutsche Revolution, S. 241. 147 Bruck an Schwarzenberg, Mailand, 13. Juni 1849: „das wohlverstandene Interesse aller italienischen Fürsten mit Österreich als der ersten italienischen Macht Hand in Hand zu gehen“ (Wien, Staatsarchiv). 3* 35