Historische Blätter 4. (1931)

Ferdinand Bilger: „Großdeutsche“ Politik im Lager Radetzkys

waren die Presseberichte mit sicherem Geschick auf die Stimmung des Königs berechnet. „Der König“ — so hieß es am 7. April in einer Ber­liner Korrespondenz der Allgemeinen Zeitung — „habe nicht anders handeln können. Die Annahme der Kaiserkrone hieß einen direkten Kon­flikt mit Österreich herbeiführen. Preußen hat in der jetzigen Weltlage keinen anderen sicheren und hülfreichen Alliierten als Österreich. Unsere Regierung hat solchergestalt nur zwei Wege vor sich, den der Verständi­gung mit Österreich und den übrigen Kronen oder den der Spaltung Deutschlands, mit anderen Worten, den der Größe und Macht oder den der Zersplitterung. Ihr Gang in dieser Beziehung kann nicht zweifelhaft sein 11S.“ Das Wort des Ministers von Manteuffel in der Adreßdebatte der zweiten preußischen Kammer, „daß es über deutsch verschiedene Meinungen gebe“, war auch in der‘Allgemeinen Zeitung zu lesen118 119: „Wir haben geglaubt, Seiner Majestät einen deutschen Rat zu geben, wenn wir ihm rieten, dem Recht und der Ehre zu folgen.“ Wenn Radetzky jetzt vor der Aufgabe stand, auf die Huldigung der preußischen Garde zu antworten, so war er des politischen Kreises sicher, an den sein Schreiben erging: an ein ausnahmslos adeliges Offi­zierskorps, das, soweit es politisch dachte, in dem konservativen National­staatsgedanken verankert war, an den gefestigten Vertreter jener An­schauungen, die mit Frankfurt in bitterster Fehde lagen. So bereitete ihm nicht der Inhalt, nur die Form Sorge. Die Unterschrift des Königs auf der Adresse, so berichtete er an Schwarzenberg 12°, mußte ignoriert werden, „weil eine an den König gerichtete Antwort ein ungleich bedeu­tenderes Gewicht erhalten haben würde, als ein Schreiben von mir haben darf“. So richtete er den Dank an den Prinzen Wilhelm 121, welcher der 118 Augsb. Alig. Zeitg. vom 7. April 1849: Korrespondenz P Berlin 4. April. 119 Augsb. Alig. Zeitg. vom 10. April 1849. 120 Radetzky an Schwarzenberg am 17. April 1849, Pres. Nr. 2975/p., Staatsarchiv Wien. Radetzky legt gleichzeitig eine Abschrift der Oardeadresse und seiner Antwort vor, ohne jedoch für die Absendung der letzteren die Zustimmung Schwarzenbergs abzuwarten. Schwarzenberg hat nach den Akten eine Stellung zu der Antwort Radetzkys nicht genommen, die in der unbewußten Kühnheit der Sprache und in ihren psychologischen Wirkungen seinen Absichten nur ent­sprechen mußte. 121 Der Prinz von Preußen galt überdies in jenen Tagen mit Unrecht als antiliberaler Heißsporn. In dem Schreiben Radetzkys an Schwarzenberg heißt es, „der Prinz sei zehn Jahre commandierender General des Gardekorps gewesen und erst in jüngster Zeit durch die Ereignisse von diesem Commando verdrängt worden, wovon ich aber nicht geglaubt habe, Kenntnis nehmen zu sollen“. Im Dezember 1848 hatte der Prinz der kaiserlichen Familie auf dem Hradschin in Prag einen 29

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