Historische Blätter 4. (1931)
Fritz Reinöhl: Aus dem Tagebuch der Erzherzogin Sophie
der Thronwechsel in der kaiserlichen Familie beschlossen 33. Seit Mitte dieses Monates befaßte sich der Ministerrat fast täglich mit der Beratung aller mit dem Thronwechsel zusammenhängenden, zum Teil außerordentlich schwierigen staatsrechtlichen Fragen34. Am 1. Dezember erfolgte die Großjährigkeitserklärung Franz Josephs, am gleichen Tage verzichtete Franz Karl auf seine Thronfolgerechte, am nächsten Tage dankte Ferdinand ab und bestieg Franz Joseph den Thron. Es ist v/ohl kaum zu bezweifeln, daß die Kaiserin Maria Anna in erster Linie auf den Thronwechsel drängte35; wieweit die Erzherzogin Sophie hieran beteiligt war, läßt sich nicht feststellen. Franz Karl konnte sich nur schweren Herzens zu seinem Verzicht entschließen 36, Kaiser Ferdinand mag wohl in Unmutsäußerungen Abdankungsabsichten geäußert haben, wahre Entschlußfähigkeit aber darf dem armen Geistesschwachen nicht zugesprochen werden 37. Das Tagebuch der Erzherzogin Sophie gibt wieder nur wenige Aufschlüsse; vielleicht dürfen auf die Frage des Thronwechsels die Worte bezogen werden, die sie am 14. Juni niederschrieb: „conversation trés serieux avec mon pauvre eher Franzi“, mit größerer Wahrscheinlichkeit die zahlreichen Unterredungen mit ihrem Gemahl, die sie im Laufe des November vermerkt. Die interessante Schrift Kübecks, die sie am 8. November erwähnt, dürfte wohl eine der Ausarbeitungen Kübecks über die Abdankung gewesen sein 38. Am 18. November be33 Helfert a. a. O. Bd. 3, S. 345 f.; Schiitter a. a. O. S. 7; Hübner a. a. O. S. 293, 303; Helfert, Aufzeichnungen und Erinnerungen aus jungen Jahren Bd. 4, S. 125. 34 Helfert ebda. S. 1261; Hübner a. a. O. S. 312. 35 Vgl. die Mitteilungen Hübners a. a. O. S. 319, die Aufzeichnung Wessen- bergs (im Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Handschrift Rill, Nr. 113) „L’impératrice Anna“, in der es u. a. heißt: „L’abdication de l’Empereur fut son ouvrage, eile avait presenti depuis longtemps la necessité d’une telle determination.“ 36 Vgl. z. B. Helfert, Gesch. Österreichs Bd. 3, S. 352. 37 Man vergleiche nur die belanglosen Eintragungen, die er am 3. Dez. 1848 über seine Abdankung in sein Tagebuch (Haus-, Hof- und Staatsarchiv, habsb.-lothr. Familienarchiv, Familienkorr. A Kart. 48, Konv. 46, fol. 22 ff.) machte. Wie wenig sich Ferdinand über die Lage Rechenschaft geben konnte, bezeugen die Worte, mit denen er des Aufenthaltes in Innsbruck „wo ich wirklich glückliche und vergnügte Tage erlebte“, der Rückkehr nach Wien „leider gaben mir meine Landsleute, die Wiener, keine Ruhe, mit meiner lieben Frau und unserer Familie zurückzukehren“ und der Tage in Olmütz gedenkt „wo ich hoffte und meine Familie einige Monathe glücklich und vergnügt zuzubringen“. Vergleiche hiezu Helfert, Gesch. Österreichs Bd. 3, S. 342. 38 Vgl. hiezu die Tagebucheintragungen Kübecks vom 30. IX. bis 5. X. (Tagebücher des C. Fr. Freiherrn Kübeck von Kübau, herausg. von Max Frh. v. Kübeck Bd. 2, S. 26) und vom Oktober (ebda. S. 30). 8* 115