Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

ihn für beschränkt, ein Werkzeug fremden Willens 145, doch .., und ... zugleich. 31. Dezember. Es wurden mir heute viele freundliche Besuche zu­teil und brachten mir herzliche Äußerungen zum Schlüsse des Jahres. Still schloß für mich das stürmische Jahr. Seinen Ausgang hätte ich vor zwölf Monden nicht geahnt. Noch stand ich am ersten Tage des Jahres auf hoher Stufe, ungeschwächt in Willen und Eifer, wenn auch körper­lich leidend. Der 1. Mai146 war ein Tag meiner Schätzung und ich durfte mich des Ausspruches seines Wertes nicht schämen. Die all­gemeine Meinung war Richter. In den Augen des Kaisers jedoch — ob nach eigener Überzeugung, ob aufgedrungen — schien mein Glanz mit seiner Reise nach Verona 147 zu schwinden. Der 21. August148 spricht für diese Meinung. Was ich an kaiserlicher Gunst eingebüßt zu haben schien, dies gab die öffentliche Stimmung in Wirklichkeit mir zurück und sie wiegt mich freundlich am letzten Tage des Jahres. Meine Ge­sundheit will sich bessern. Mein Bewußtsein belastet kein Vorwurf. Aber schmerzlich ist mein Bedauern über die trüben Verhältnisse, unter welchen mein Kaiser die Verwaltungswirren, vom Volksunwillen be­gleitet, schwer und langsam durchbricht149. Mit den Männern, die er sich zur Regierung gewählt, wird er nicht vorwärtskommen, vielleicht stillestehen, wenn nicht rückwärtsschreiten. Gott möge ihn erleuchten und dann stärken! Die Form der Teilnahme im Wechsel des Jahres war in der vergangenen Zeit stets freundlich von jenen gehalten, die in der Gegenwart oder in der Vergangenheit mir nahestanden. Es war der­selbe Kreis, der um mich sich scharte, im Besuch oder im Briefe. Sonder­bar, daß dieser Kreis in diesem Jahre sich zu erweitern schien. Nie erhielt ich früher so viele Besuche, nie so viele Briefe zum Jahreswechsel wie heuer. 1-15 Vgl. den 14. Dezember 1859. 140 Der Tag von Kempens 50jährigem Militärjubiläum, der ihm reiche Ehren einbrachte. 147 Zur Armee auf den italienischen Kriegsschauplatz. Franz Joseph trat diese Reise am 29. Mai an und traf am 15. Juli wieder in Laxenburg ein. 148 Das Tagesdatum des ah. Handschreibens, das Kempens Pensionierung verfügte. 149 In einem Briefe an seine Mutter vom 1. September 1859 spricht Franz Joseph selbst von der „maßlosen Reorganisierungs- und Über-den-Haufen-Werfungs- Wut“, die er kalmieren müsse (vgl. Fr. Schnürer, 1. c. 294f.). 108

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