Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

helm einer Abneigung gegen ihn, so wie er den Erzherzog Albrecht, ange­trieben vom General St. Quentin 124, als denjenigen bezeichnet, welcher die Entfernung des Grafen Grünne geleitet hatte. Den Fml. Crenneville hält er für keinen zureichenden Ersatz des letzteren und glaubt, er strebe, sich populär zu machen. Nebenbei tadelte Fml. Kellner die große Herab­lassung des Kaisers gegen den Fzm. Graf Gyulai, und zwar nach dessen Entfernung vom Kommando der Armee in Italien, da S. M. ihm stets die Hand gereicht und häufig ihn zur Tafel gezogen hätte 125. Ich fuhr vor 1 Uhr zum Herzog von Modena126, der mich freundlichst empfing. Das Gespräch nahm, wie ich erwarten mußte, kein scharfes Ge­präge an und währte auch nur eine Viertelstunde. Nur über die Vorfälle zu Pest am 15. d. M.127 128 äußerte sich der Herzog in einer seiner Energie würdigen Weise, indem er sagte, man solle keinen Anstand nehmen, dort wo das Betragen der Studierenden ein politisch zügelloses sei, die Uni­versität zu sperren. 19. Dezember. Nach 10 Uhr begab ich mich zum Grafen Franz Zichy. In einer weitwendigen Auseinandersetzung teilte er mir mit, daß er bei der Vergeblichkeit seiner Bemühungen, das positive Versprechen des Kaisers, ihn wieder in den Reichsrat zurückzunehmen 12R, erfüllt zu sehen, sowie eine Entschädigung seiner Geldeinbuße zu erhalten, auf ein und das andere förmlich verzichtet habe. Im Laufe der verschiedenen hierüber gepflogenen Rücksprachen hätte Graf Goluchowski gegenüber dem Reichsrat Szögyény geäußert, man habe dem Grafen Zichy dessen mancherlei Beteiligung an industriellen Unternehmungen sehr übel gedeutet129. Über diese Behauptung nun wünscht mein Freund zu wissen, ob solche während meiner Leitung der Polizei erhoben worden sei. Ich konnte ihm aber mit Bestimmtheit sagen, weder als Gerücht noch als ämtliche Verhandlung hatte ich mit dieser Anschuldigung etwas zu tun. Obgleich nun Graf Zichy den Grafen Goluchowski für unfähig auf 124 Bigot de Saint-Quentin, Generaladjutant des Kaisers. 125 Am 16. Juni 1859 bezeichnet ihn Franz Joseph in einem Briefe an seine Mutter als seinen „treuen Freund, dessen Feldherrntalent leider mit seinen sonstigen militärischen Eigenschaften und seiner unbegrenzten Hingebung an mich nicht gleichen Schritt hält“ (vgl. Fr. Schnürer, 1. c. 292 f.). 126 Herzog Franz V., der sich, durch die Niederlage der Österreicher um sein Land gebracht, in Wien aufhielt. 127 Ein Studentenauflauf anläßlich eines erst ausgeschriebenen, dann jedoch wieder verbotenen Konventes der evangelischen Montansuperintendenz. 128 Vgl. Anm. 24, S. 84. 129 Vgl. den 14. Dezember 1859. 104

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