Historische Blätter 4. (1931)
Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859
Ich erfuhr von ihm, nachdem wir von der Korruption der türkischen Behörden sprachen, daß die serbische Regierung unter Karageorgievic 1,6 sich erdreistet hatte, sogar den Sultan mit 10.000 Stück Golddukaten zu bestechen. Ehe ich meine Wohnung verließ, kam Herr von Schwarz yr, um mehrere schändliche Broschüren, dann Karikaturen zum Hohn der Armee Österreichs mir zur Einsicht zu bringen. Er begleitete mich bis zur Wohnung des Ministerialrates Mayern. Schwarz wollte von mir erfahren, wer den Baron Hübner zum Polizeiminister geschaffen habe. Eine logische Rechnung führte auf den Grafen Rechberg, der als Ministerpräsident wohl im Recht war, einen Polizeiminister sich zur Seite zu stellen, der ihm sympathisch war, obwohl ich glaube, daß der Minister Bach seine letzten Protektionsstrahlen auf Hübner ausgegossen habe zugleich mit seinem Hasse auf mich. Als ich bemerkte, daß Graf Rechberg als ein schlechter Menschenkenner sich gezeigt, da er statt eines konservativen Polizeichefs einen Demokraten einschob, rückte Schwarz mit dem Geheimnisse hervor, wonach der päpstliche Nuntius De-Luca mehrere Male über meine Nachsicht gegen die Presse geklagt und ihn sogar aufgefordert haben soll, mich zur Schärfe gegen dieselbe zu ermuntern. Da liegt nun abermalen ein Stück Kabale der Pfaffen gegen mich vor. Ich begnügte mich zu erwidern: „Und was wird der Nuntius nun sagen, hat er im Tausche gewonnen?“ Schwarz ging in seiner Redseligkeit hierauf so weit, mir zu vertrauen, Monsignore De-Luca habe sich geäußert, mit der österreichischen Regierung könne man nicht mehr verhandeln, denn sie sei wortbrüchig und treulos, man könne sich auf dieselbe nicht mehr verlassen 9S. Rom gibt uns also ein schönes Zeugnis. 11. Dezember. Vor 9 Uhr hörte ich in der Piaristenkirche eine stille Messe. Als ich nach Hause gekommen war, (erschien) Fml. Graf Grünne in Generalsuniform freundlich und fröhlich. Er fragte nach der öffentlichen Stimmung und erhielt hierüber von Czapka, welcher eben bei 96 97 96 Zum zweitenmal regierte die serbische Dynastie der Karageorgievic von 1842—1858. 97 Vgl. den 7. November 1859. Schwarz gründete 1848 den Wiener Katholikenverein. C. von Wurzbach nennt ihn in seinem Biogr. Lexikon 32, 298 f., einen ganz österreichisch gefärbten Ultramontanen, der, wenn er heute (1876) noch lebte, wohl zwischen dem liberalen und dem ultramontanen Stuhl säße. 08 Diese Äußerung bezieht sich wohl auf die Kluft, die sich zwischen Napoleons Versprechungen von Villafranca und dessen späterer Haltung mehr und mehr auftat: jeder Schritt, um den sich Franz Joseph bezüglich der Neuordnung Italiens zurückdrängen ließ, zog zugleich auch den Papst in Mitleidenschaft (vgl. hierzu Fr. E n g e 1 - J á n o s i, 1. c. 63 ff.). 7* 99