Historische Blaetter 2. (1921)

Eduard v. Wertheimer: Neues zur Orientpolitik des Grafen Andrássy (1876-1877)

Bismarcks konnte Andrássy hoffen, dem Vordringen des Panslawismus, des ärgsten Feindes Österreich-Ungarns, Halt zu gebieten. Die erste Frucht der neu eingeschlagenen Richtung offenbarte sich in der Drei- Kaiser-Entrevue in Berlin im Sommer 1872. Ursprünglich war nur eine Zwei-Kaiser-Zusammenkunft zwischen Franz Josef I. und Kaiser Wil­helm I. geplant. Plötzlich aber faßte, von dieser Begegnung der beiden Monarchen unterrichtet, Alexander II. den Entschluß, sich als dritter in der deutschen Kaiserstadt einzufinden. „Andeutungsweise und ganz vertraulich“ ließ er in Berlin den Wunsch äußern, gleich Franz Josef I., ebenfalls zu den Manövern des Gardekorps geladen zu werden. In einer freundschaftlichen Begegnung der Souveräne Rußlands, Öster­reich-Ungarns und Deutschlands wollte er die sicherste Gewähr für die Wahrung des Weltfriedens! erblickenL Nicht minder scheint auf ihn die Besorgnis von Einfluß gewesen zu sein, als könnten in seiner Abwesenheit zwischen Franz Josef I. und Kaiser Wilhelm I. gegen das Interesse Rußlands gerichtete Verabredungen getroffen werden. Bis in die höchsten Sphären des russischen Hofes hinauf herrschte diese Angst. „Wer weiß“ — sagte die Großfürstin Marie, Prinzessin von Leuchtenberg, eine Tochter Nikolaus’ I., zu Freiherrn v. Langenau — „ob sich1 nicht eines Tages die Resultate der Entrevue von Berlin gegen uns Lehren werden?“* In Berlin selbst war man von dem Ver­langen des Zaren sehr peinlich berührt, denn man befürchtete, in Kaiser Franz Josef könnte der Argwohn rege werden, als hätte man hinter seinem Rücken den Zaren zur Entrevue geladen. Nach Graf Peter Schuwalow, soll Bismark auch alle Minen der Intrige spielen haben lassen, um Alexander II. vom Erscheinen in Berlin abzuhalten3. In Wien aber ließ man nichts von Unbehagen merken, vielmehr beeilte man sich, sein Einverständnis mit der Anwesenheit des Herr­schers von Rußland zu erkennen zu geben. Graf Andrássy schrieb hierüber an Graf Károlyi, den Berliner Botschafter: „Ich ersuche Eure Exzellenz, bei jeder sich darbietenden Gelegenheit auf das be­stimmteste hervorzuheben, daß Seine Majestät von dieser freund­schaftlichen und entgegenkommenden Entschließung des Kaisers Ale­xander auf das angenehmste berührt wurde und daß ich sie auch persönlich als neue Bürgschaft des von allen Seiten angestrebten 1 Eigenhändiger Brief Kaiser Wilhelms I. an Franz Josef I. Wiesbaden, 29. Juli 1872. 2 Langenau an Andrássy, Petersburg, 24. Juli 1872. W. St. A. 3 Eduard von Wertheimer, Ungedruckte Briefe des Erzherzogs Albrecht an Kaiser Franz Josef I., in Deutsche Revue, 46. Jahrgang, 1921, S. 210. 7

Next

/
Thumbnails
Contents