Historische Blaetter 2. (1921)

Josef Karl Mayr: Das politische Testament Karls V.

einer Expedition ins Landesinnere sei nicht mehr die Rede gewesen; auch habe Karl den Ausgang der Kämpfe als einen persönlichen Erfolg betrachtet; von einem Vertrage, der den Rückzug maskiert hätte, sei nirgends etwas zu finden. Gegen diese Auffassung lassen sich unschwer recht gewichtige Be­denken ins Treffen führen. Indem der Text auf Landrecies zu sprechen kommt, geschieht es zur Illustration der Forderung, daß ein einmal ge­faßter Entschluß — Karl habe ursprünglich einen überraschenden An­griff auf das Innere Frankreichs vorgehabt — nicht mehr abgeändert werden dürfe. Daß jene Voraussetzung richtig ist, ergibt sich aus dem Wortlaute der Instruktion vom 6. Mai 1543, die ausdrücklich von einem derartigen Angriff von Flandern oder Deutschland aus spricht1, mit aller Deutlichkeit. Daß sie vom Angriff auf Kleve kein Wort enthält, beweist wohl, daß Karl beide Aktionen als zusammengehörig betrachtet hat. Unter diesem Gesichtspunkte gewinnt die Darstellung des Testa­ments — die leichte Eroberung des ersten Platzes (es ist wohl Düren gemeint) habe Karl zu einer Änderung des ursprünglichen Planes und zum raschen Angriff auf die übrigen Festungen 2 veranlaßt — erhöhte Glaubwürdigkeit3. Auch für den Versuch, den Mißerfolg vor Landrecies zu verschleiern, lassen sich Parallelstellen nachweisen. Die Kommentarien schreiben ihn der vorgerückten Jahreszeit, der üblen Witterung und dem Ausweichen Frankreichs zu \ Die vergebliche Belagerung Marseilles von 1536 — Karl macht den Feldzug persönlich mit und seine Kommen­tarien schildern ihn ausführlich — erwähnen sie mit keinem Worte5. Auch die Darstellung des schmalkaldischen Krieges weist ähnliche Lücken auf6. Vielleicht kann noch auf den Umstand, daß das Testa­ment über den Mißerfolg vor Metz im Winter 1552/53 schweigt — es scheint ja unmittelbar darauf entstanden zu sein (vgl. S. 248) — hin­gewiesen werden. Daß die Ausführungen über das Verhältnis zum Papsttum (vgl. S. 235) „echter“ klingen, beweist E. W. Mayer1 1. c. 120, 486 an mehreren 1 Vgl. Maurenbreeher 1. c. 3, 301. 2 Tatsächlich hat sich Karl nach der Unterwerfung Kleves unverweilt auf die französischen Grenzplätze geworfen (vgl. Egelhaaf 1. c. 2, 425). 3 Auch Karls Kommentarien erzählen diese Ereignisse ganz ähnlich: Karl will an Frankreich Rache nehmen, doch steht ihm auch dessen Verbündeter Kleve entgegen ; er muß sich also zuerst gegen dieses kehren (vgl. Morel-Fatio 1. c. 237 ff.). 4 Vgl. Morel-Fatio 1. c. 241; ähnliche Entschuldigungen macht Karl bezüglich Cerisolas und St.-Diziers geltend (vgl. 1. c. 245, 247, 253). 5 Vgl. Morel-Fatio 1. c. 213, 339; nach Egelhaaf (1. c. 2, 311) soll sie Karl nur zur Verschleierung seines Rückzuges unternommen haben. 6 Vgl. Morel-Fatio 1. c. 173. 7 L. c. 120, 490 faßt er sie wieder ironisch auf.

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